Berlin : Das Prenzlauer-Berg-Syndrom

Weil viele Häuser im Kiez verkauft wurden, zogen fast alle früheren Bewohner weg Ähnliches droht in guten Lagen Berlins durch den Einstieg von Finanzinvestoren in den Wohnungsmarkt

Ralf Schönball

Berlin ist bei Kapitalanlegern begehrt wie nie zuvor: Häuser und Grundstücke im Wert von mehr als zehn Milliarden Euro erwarben sie in diesem Jahr. Das hat Folgen für die Mieter. Denn die neuen Eigentümer wollen ordentliche Kapitalrenditen erwirtschaften. Deshalb sanieren sie oft die Häuser und verlangen dann höhere Mieten. Das kann die sozialen Strukturen eines Stadtteils auseinanderreißen, meinen Experten.

Beispiele für diese Strategie gibt es im Südwesten der Stadt: So übernahm Finanzinvestor Oaktree Capital Management die „Onkel-Tom-Siedlung“ mit 438 Wohnungen. Einige Bewohner sollen nach den Arbeiten fast ein Drittel mehr Miete zahlen als zuvor. Das können sich ältere Bewohner nicht leisten. Sie müssen ausziehen. Denn wenn die Sanierung den Wohnwert erhöht, lässt sich rechtlich selten etwas dagegen ausrichten.

Auch „Apellas“, die mit US-Kapital die Hüttenwegsiedlung in Dahlem erworben hat, will bestehende Häuser sanieren und um Neubauten ergänzen. Doch dort formierte sich der Widerstand. Der „Verein der Hüttenwegsiedlung“ und Mieter legten Widersprüche gegen die angekündigte Modernisierung ein, weil die Mieten um bis zu 350 Euro steigen sollen.

Machen diese Beispiele Schule, dann könnte sich in begehrten Lagen bald das Prenzlauer-Berg-Syndrom ausbreiten. „Dort wurde die Bevölkerung in zehn Jahren fast vollständig ausgetauscht“, sagt Hartmann Vetter, Chef des Berliner Mietervereins. Der heute als bürgerlich geltende Stadtteil war früher Kiez für Künstler und Kreative. Zu einer Sanierungswelle kam es dort, weil viele Immobilien an Alteigentümer zurückübertragen worden waren und diese ihre Objekt weiterverkauften. Die Erwerber sanierten die Häuser und verlangten hohe Mieten, die viele nicht bezahlen konnten. Das beschleunigte die Verdrängung der alteingesessenen Bevölkerung.

Dass Betroffene dank des immer noch großen Angebots leerstehender Wohnungen auf die geplante Sanierung ihres Hauses mit einem Umzug reagieren könnten, hält Vetter für „blanke Theorie aus Investorenkreisen“: Die soziale Bindung an einen Stadtteil sei oft dadurch sehr eng, dass die Kinder vor Ort in die Kita gingen oder der Arbeitsplatz in der Nähe liege. Hinzu kämen die Umzugskosten – „dieses Geld haben viele Haushalte in Berlin einfach nicht“, sagt Vetter.

Rollt eine Umzugswelle, dann nimmt die Preisspirale an Tempo auf: „Jeder Umzug führt bei Neuvermietung in der Regel zu höheren Mieten als zuvor“, sagt Vetter. Dennoch glaubt der Chef des Mietervereins nicht, dass sich die Renditeerwartungen der Investoren in Berlin erfüllen werden. Die Kaufkraft in der Stadt reiche nicht aus, um Mieterhöhungen in nennenswertem Umfang zu verkraften.

Erspart bleibt den Mietern immerhin eins: Kündigungen wegen Eigenbedarfs, Luxusmodernisierungen sind bei Verkäufen landeseigener Wohnungen ausgeschlossen, sagt Wolfgang Bohleber, Wohnungspolitikexperte beim Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen. „Oft sind die Mieter durch Extraverträge noch besser geschützt als das Mietrecht ohnehin vorsieht“, sagt er.

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