Berlin : Das Prinzip Hoffnung

In dieser Woche startet die Popkomm. Auch die Berliner Nachwuchsband Super700 tritt dort auf. Ihr Etat ist klein, das Selbstvertrauen groß – typisch für Berlin, das doch deutsche Pop-Hauptstadt sein will

Kai Müller

Einen Song mit dem Titel „I Love You“ zu schreiben, das ginge natürlich gar nicht, sagt Ibadet Ramadani und strahlt. Denn sie hat es trotzdem getan. Die Tochter albanischer Einwanderer sitzt im Studio ihrer Band Super700, die Beine überkreuz, auf einem alten Polyestersofa und streicht sich eine Strähne ihrer langen schwarzen Haare aus dem hübschen Gesicht. Ein Reflex. Die Strähne rutscht immer wieder zurück. Neben ihr hat eine jüngere Schwester Platz genommen, eine der Zwillinge, die zur Familie gehören. Auch sie ist ein Mitglied von Super700. Bassist Michael Haves versucht, nicht von seinem Drehstuhl zu rutschen. Er hat den Love-Song mitgeschrieben, der vom langsamen Zerbröseln einer Leidenschaft, vom Umkippen des Zutrauens in stille Verzweiflung erzählt und den Moment festhält, da ein Ultimatum einsetzt: Had to learn how cruel my kind could be, „ich musste erst begreifen“, gesteht Ibadet Ramadanis Sirenenstimme, „wie grausam unsereiner sein kann/ Jedes Lächeln eingefroren, liege ich und warte auf die Tränen“.

Wenn am Mittwoch Musikfachleute aus aller Welt zur 17. Popkomm ins Berliner Messezentrum strömen, um drei Tage lang die neuesten Trends und Absatzmärkte der krisengeschüttelten Popindustrie zu erörtern, wird auch die Frage in der Luft liegen, ob die Hoffnungen an eine „Pophauptstadt“ an die Spree sich erfüllt haben. Unter den etwa 120 Bands und Künstlern, die in den Clubs der Stadt rund um die Kulturbrauerei auf sich aufmerksam machen wollen, werden auch Super700 sein. Es geht um eine Karriere. Nicht wie sie im Fernsehen versprochen wird. Aber immerhin um eine Existenzgrundlage. Denn noch können die sieben Bandmitglieder nicht von der Musik leben, die sie zusammengeführt hat. Ihre Plattenfirma passe in den Kofferraum eines Autos, scherzen sie. Was für Berlin nicht ungewöhnlich ist. So halten sich die Musiker, die gerade an ihrer zweiten CD arbeiten, mit Gelegenheitsjobs über Wasser, Ibadet in einer Bäckerei, andere geben Unterricht. Auch um nicht erpressbar zu sein und ihren musikalischen Ideen treu zu bleiben. Sie wissen, dass sie es schaffen können.

Immerhin durfte Drummer Sebastian Schmidt schon mal ausprobieren, wie das bei den Großen funktioniert. In einem Video des norwegischen Startrios a-ha saß er am Schlagzeug. Nun hat er den anderen den Rücken zugewandt und blickt auf zwei Computermonitore, auf denen die Diagramme eines monotonen Beats zucken. Buff-tack, buff-tack, buff-tacka- buff. Die Ausrüstung, mit der die Räume ihres Studios im ehemaligen Rundfunkhaus der DDR zugerümpelt sind, gehöre nur zur Hälfte ihnen. Den Rest habe ihnen Produzent Gorden Raphael überlassen, sagt Michael Have, dort der Bass – er deutet auf ein ziemlich ramponiertes, abgewetztes Instrument – sei auf den ersten beiden Platten der Strokes zu hören. Raphael lernten die Musiker zufällig auf einer Party kennen, ein Wort ergab das andere, der Amerikaner hörte ihr Debüt „When Hare and Fox had Fun“, war begeistert, und so produziert der Mann, der die Strokes berühmt gemacht hat, nun ein Septett, das oft vor 50 Leuten auftritt, aber hofft, dass es beim nächsten Mal doppelt so viele sein werden.

Und wirklich berechtigen die Wahlberliner im Alter zwischen 25 und 30 zu den größten Hoffnungen. Ihre elegisch ausschweifenden, energischen Songs stehen quer zum aktuellen Trend, möglichst rüde und abgebrüht zu klingen. Ihr Stil ist leicht, luftig, aber schwer zu definieren. TripHop wäre ein Stichwort wegen der kühlen Verzagtheit, mit der sich ihre Songgebilde entwickeln, sanft und tobend zugleich. Jazz-Einflüsse schimmern durch. Aber auch Disco-Beats sind ihnen nicht fremd. Sie hätten sogar mal einen Hit im Programm gehabt, befand zumindest einer ihrer Beinahe-Manager. Sie spielen ihn nicht mehr. „Er ist in irgendeiner Schublade verschwunden“, sagt Have.

Seine Band ähnelt einem Puzzle: Man kann keines der Teile weglassen, ohne das gesamte Bild zu beschädigen. Im Zentrum steht das Glockenorgan Ibadets. Dass sie Erfahrungen als Jazzsängerin hat und Billie Holliday verehrt, merkt man an der Schutzlosigkeit ihres Timbres. Sie singt Englisch. Songs seien für sie phonetische Herausforderungen: „Es gibt Lieder, deren musikalischer Gehalt viel zu tief ist, als dass ich ihn durch einen Text decken könnte.“ Ob sie als Kind zweier Kulturen in der Popmusik die geeinte Welt sucht, die ihr die doppelte Identität ihrer Herkunft niemals geben kann, vermag sie nicht zu sagen. „Wenn Pop eine Flucht ist“, greift Schwester Albana ein, „dann unbewusst – und das ist auch besser so“.

Ihr Großvater hat im Kosovo sein Haus verloren, es wurde von serbischen Soldaten gesprengt. Ein bisschen war es auch ihr Haus. Denn die Ramadani- Schwestern, obwohl im Schwabenland geboren, waren von der Mutter als Kinder abwechselnd für längere Zeit im Kosovo zurückgelassen worden, damit sich die Familie nicht zu sehr von der Heimat entfremdete. Allem Anschein nach haben die Mädchen es doch getan, zumindest äußerlich. Innerlich stellt sich die Abnabelung komplizierter dar: Als die älteste begann, Musik zu machen und aus dem Rahmen dessen herausfiel, was ihr als Maschinenschlosser und Fliesenleger schuftender Vater vom Leben in Deutschland erwarten durfte, da glaubten die beiden anderen Töchter automatisch, dass dieser Weg ihnen nun versperrt sei. „Man denkt in muslimischen Kulturen kollektiv“, erklärt Ibadet. In der Band zahle sich das allerdings aus. Sagt es und rutscht vom Sofa, um Einkaufen zu gehen. Natürlich für alle.

Super700, am 15. September, 20 Uhr, im Mudd Club, Große Hamburger Straße 17.

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