Berlin : Das Prinzip Nestwärme

Wie Müntefering die Zehlendorfer SPD auf den Wahlkampf einstimmt

Bernd Matthies

Die Manifeste auf den Sitzen im Zehlendorfer Bürgersaal, flüchtig zusammengeheftet, sind noch warm vom Kopierer – Aussicht auf einen heißen Wahlkampf, der offiziell noch gar nicht begonnen hat und doch längst greifbare Realität ist.

Zehlendorf, das ist für die SPD nicht gerade eine Hochburg, aber doch ein Zentrum aufgeklärter Bürgerlichkeit weit entfernt von den Sturmgeschützen des Einsatzkommandos Lafontaine. Und es ist der Wahlkreis von Klaus-Uwe Benneter, der an diesem Abend die erdige Politrhetorik Franz Münteferings mit lokal verwurzeltem Detailwissen abzurunden sucht und zur Eingewöhnung routiniert ein wenig gegen den „Marktradikalismus“ donnert, für den Menschen „nur noch eine Kostenstelle darstellen“.

Zu den gut 200 Zuhörern, überwiegend wohl Parteifunktionäre oder doch zumindest Parteimitglieder, sagt er vorsichtig „Meine Damen und Herren“, und das klingt, als lege er seinem Vorsitzenden selbstlos den Ball zum Elfmeter hin, der dann, „einmal muss es sein“, die „lieben Genossinnen und Genossen“ willkommen heißt. Ein wenig Nestwärme können sie brauchen sogar im nicht so arg heftig gebeutelten Zehlendorf, und die spendet Müntefering ebenso schön wie der Kanzler, der freilich, das Leben geht weiter, gerade auf dem G-8-Gipfel schauen muss, dass nicht wieder irgendein Nebenstaatsmann Mist baut.

50 Minuten redet Müntefering und macht den Eindruck, als habe er sich gegen Ende erst richtig warm gelaufen und könne notfalls auch die dreifache Strecke. Die Zuhörer geben sich dankbar, sie folgen den Spannungsbögen und klatschen zuverlässig, sobald ihnen durch höheres Redetempo, erhobene Stimme und zugespitzte Rhetorik das Ende eines Kapitels signalisiert wird.

Die Grundstruktur von Münteferings Ausführungen wird vermutlich in den nächsten Wochen von Ortsverein zu Ortsverein weitergegeben: Den Einstieg bildet die Abrechung mit dem Sündenregister der CDU-Regierung, die den eigenartigen Eindruck erweckt, als habe sich soeben Helmut Kohl und nicht Gerhard Schröder vom Bundestag das Misstrauen aussprechen lassen. Doch dann geht es ans sozialdemokratisch Eingemachte.

„Wir können“, sagt Müntefering ungerührt, „auf unsere Leistungen stolz sein, aber wir sind nicht selbstzufrieden, wir lehnen uns nicht zurück.“

Darauf wäre vermutlich auch keiner der Anwesenden gekommen, deren Hauptproblem ja keineswegs die Selbstzufriedenheit ist. Egal: Da steht ein Großpolitiker, der einer von denen da unten geblieben ist und dies mit geraden, klaren Sätzen demonstriert.

Bildung? „Bei uns im Sauerland gab´s ein Wort“, scherzt er, „man darf die Saatkartoffeln nicht essen, die muss man pflanzen“. Verpasste Chancen des technischen Fortschritts? „Wir haben den Transrapid im Emsland 20 Jahre im Kreis fahren lassen, und dann kamen die Chinesen und haben gesagt, das geht doch auch geradeaus. Und dann haben sie ihn gebaut.“ Kinderbetreuung? „Der Stoiber weiß nur, dass Krippen was mit Kirche zu tun haben, mehr weiß der nicht.“ Symbolpolitik? „Der Steueraufschlag für die Großverdiener bringt 1,2 Milliarden – wenn das Symbolpolitik ist, dann bin ich für Symbole.“

So geht es flott durch die Programmatik, die ja eher eine Manifestation ist, denn das Papier heißt Manifest, weil Programme immer so auftragen und hier einfach mal kurz und knapp gesagt werden soll, was Sache ist. Bildung und Arbeitsplätze, Bürgerversicherung und Mindestlöhne, Energiepolitik und gerechte Steuern, all das hakt er im Geschwindmarsch ab, verfällt nur ganz selten in wolkige Kohlismen wie „allüberall in diesen Landen“. Die Lafontaine-Truppe lässt er gleich ganz links liegen und stemmt sich zum Schlussakkord lieber auf Kosten der Wahlforscher. Die, meint er, seien immer noch beleidigt, weil sie der SPD auch 2002 keine Chance gegeben hätten und am Ende dumm dagestanden hätten.

Die Veranstaltung heißt freilich „Manifest im Dialog“, und deshalb endet sie mit einer Fragerunde, in der eine Art skeptischer Zustimmung vorherrscht. „Wer soll all diese Nettigkeiten bezahlen“, fragt eine Frau. „Alles Prinzip Hoffnung“, ruft einer dazwischen. Ein anderer, der von der Stadtreinigung kommt, sagt fast flehentlich: „Franz, wie kriegen wir das auf die Reihe, die Kollegen zu mobilisieren?“ Am Ende verspricht sich Benneter ein wenig und verlegt die kommende Wahl auf den 18. März, als gelte es, eine neue Märzrevolution zu inszenieren. Danach aber sah es nicht aus am Dienstag im Bürgersaal des Zehlendorfer Rathauses.

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