Berlin : Das Problem mit den Talenten

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Eigentlich soll sie ja über eine andere Bibelstelle predigen. Doch das Evangelium des Sonntags lässt Anneli Freund, Pfarrerin in der Zionskirche in Mitte, keine richtige Ruhe. So sagt sie zu Beginn der Predigt erst einmal etwas zu dem Gleichnis, das zuvor vorgetragen wurde. Es geht um die anvertrauten Talente (Matthäus 25, 14-30). Ein Mann geht für lange Zeit weg und hinterlässt seinen drei Dienern Geld. Zweien gelingt es, das Geld zu verdoppeln, einer vergräbt es im Garten, weil er seinen Herrn kennt und Angst hat, er werde ihn im Fall eines Verlustes bestrafen. Die beiden Geschäftstüchtigen werden abermals belohnt, doch „den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.“ Und die Moral? Wohlweislich hatte Anneli Freund schon das noch geldbetontere Wort „Zentner“ durch „Talente“ ersetzt, das sie in anderen Bibelübersetzungen gefunden hat. Doch selbst dann bleibt Verstörung ob der harten Behandlung dessen, der aus seinen Gaben nicht das machen kann, was von ihm erwartet wird. Und es zeigt sich, dass die Bibel eben nicht immer nur die eine Botschaft gebetsmühlenartig wiederholt, sondern in sich auch widersprüchlich ist. Denn dass alle Menschen Kinder Gottes sind (und damit auch die, die vielleicht nicht das aus sich machen, was sie könnten) heißt es an anderer Stelle ja immer wieder.

In ihrer lebendigen Predigt fängt Anneli Freund das Problem geschickt auf, indem sie aus dem Predigttext (1. Petrus 4,7-11) die abschließende Ermahnung besonders herausstellt: „Und dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter mancherlei Gnade Gottes.“ Von Strafe ist hier nicht mehr die Rede, statt dessen heißt es in dem Text ebenfalls: „Vor allen Dingen habt untereinander beständige Liebe." Liebe und das Einbringen von Talenten - das ist auch die Herausforderung an eine Kirchengemeinde, und Anneli Freund spricht von den Musikern und den Architekten, die Entwürfe zur Neugestaltung der arg heruntergekommenen Kirche eingereicht haben. Und denen, die samstags und sonntags bereit stehen, damit die Kirche am Wochenende für alle Interessierten offen sein kann. Für sie alle gelte, dass selbstlose Liebe und die im Petrusbrief ebenso geforderte Gastfreundschaft immer wieder enttäuscht werde - da brauche es „Mut und Ermutigung untereinander." In der Veranstaltungs-Vorschau wird deutlich, dass es viele in der Kirchengemeinde durchaus ernst meinen mit den ihnen anvertrauten Fähigkeiten. Ein rühriger Förderverein kümmert sich um die Instandsetzung des Gotteshauses, das 1873 als Dank- und Siegeskirche eingeweiht worden war. Ein kleiner liturgischer Chor arbeitet an der Kirchenmusik.

Alteingesessene und Neuzugezogene sollen bei einem Erzählcafé miteinander ins Gespräch gebracht werden. Und im August gibt es jeden Donnerstag um 21 Uhr „Gespräche in der Abenddämmerung“ – direkt an der Kirchentür. Vielleicht finden sich da noch mehr Talente. Das hat in der Zionskirche immerhin Geschichte: In den letzten Jahren der DDR beheimatete die Gemeinde die systemkritische Umweltbibliothek. Jörg-Peter Rau

Informationen zu Veranstaltungen und zum Förderverein: www.zionskirche-berlin.de

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