Berlin : Das Rätsel der gestohlenen Pässe

Zu viele Zufälle: Die Einbrecher im „Wintergarten“ kannten sich offenbar gut aus. Sie raubten den Safe, in dem die Papiere der Künstler lagen

Jörn Hasselmann

Die Einbrecher kamen genau zur richtigen Zeit. Ein merkwürdiger Zufall. Ungestört durchwühlten sie am Abend vier Büroräume im Wintergarten-Varieté, holten Geld aus Kassetten, am Ende schleppten sie einen schweren Safe davon. Darin waren Geld und – dieser Verlust wog erst einmal weit schwerer – die Pässe der ausländischen Künstler, die derzeit im Wintergarten gastieren. Und die wollen teilweise schon heute abfliegen, denn am gestrigen Sonntagabend war nach drei Monaten die letzte Vorstellung des Programms „Mikos Kosmos“.

Die Einbrecher haben die einzigen Stunden seit vielen Jahren genutzt, in denen kein Mensch in dem Gebäude war. Die komplette Belegschaft war auf Betriebsausflug. Im Wintergarten vermutet man deshalb einen Insidertipp hinter dem Coup und ist dementsprechend enttäuscht und verunsichert. „Sonst sind rund um die Uhr Personen im Haus“, sagte eine Mitarbeiterin, „mindestens eine.“

Nur am Dienstagabend nicht. In den knapp drei Stunden zwischen 19.30 Uhr, dem Start des Ausflugs, und 22.15 Uhr, dem Eintreffen des Nachtwächters, kamen die Täter. Sie müssen auch gewusst haben, dass die Alarmanlage ausgeschaltet war. Möglicherweise hatten sie auch Nachschlüssel. „Das spricht alles dafür, dass die Täter aus dem Umfeld kommen“, sagt die Wintergarten-Angestellte. Gerne sagt sie das nicht. „Wir sind alle schockiert.“ Denn nun überlege jeder im Haus, wer den Tipp gegeben haben könnte. Hinweise auf die Täter hat die Polizei noch nicht, die Kripo ermittelt.

Die Täter drangen durch eine hölzerne Notausgangstür im ersten Stock in den Altbau an der Potsdamer Straße ein und durchwühlten die Büroetage. Sie brachen Schränke auf und suchten Geld. Nachdem sie den Safe gefunden hatten, verloren sie offensichtlich die Lust am Suchen. Denn in einem unverschlossenen Raum übersahen sie einen Briefumschlag mit 300 Euro. Auch andere Wertgegenstände blieben liegen, zum Beispiel ein Mobiltelefon. Randaliert haben die Einbrecher nicht, heißt es im Wintergarten – dass die Polizei dies in einer Pressemitteilung am Mittwoch behauptete, sei eine ärgerliche Falschmeldung.

Mindestens zwei Mann waren nötig, um den schweren Safe abzutransportieren; darin die Pässe der Mikos-Kosmos-Künstler. Bei denen brach am Mittwoch Panik aus – schließlich hatten die weltbekannten russischen, ukrainischen und amerikanischen Clowns und Jongleure in anderen Ländern Engagements. Der amerikanische Comedy-Jongleur Charlie Frye zum Beispiel hatte für sich und seine Partnerin für den heutigen Montag Flüge gebucht. Am Mittwochmorgen begann deshalb im Wintergarten das hektische Telefonieren mit den Botschaften der drei Länder. Und tatsächlich ging alles gut: Innerhalb von 64 Stunden hatten die drei Konsularabteilungen Ersatzpässe für die sieben Künstler ausgestellt, freut man sich im Wintergarten – den Künstlern fiel ein Stein vom Herzen. „Die haben toll reagiert.“

Dass die Pässe überhaupt im Safe an der Potsdamer Straße lagen, liegt an der deutschen Ausländerbehörde. Denn sowohl bei der Anmeldung als auch bei der Abmeldung in Deutschland müssen die Originalpapiere vorgelegt werden. Und um den Künstlern einen Behördengang abzunehmen, hatte ein Manager die Pässe eingesammelt, um damit im Amt vorstellig zu werden.

Die nächsten Künstler landen in zwei Wochen. Am 14. August startet im Wintergarten das neue Artistik-Programm „Mime Time“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben