Berlin : Das rasengrüne Spaßmobil

Begeisterung auf vier Rädern: In einem auf WM getrimmten Auto kurven Fans durch Berlin

Sebastian Leber

Am Freitag fahren sie wieder. Ganz egal, wie das Spiel ausgeht. Der Schlusspfiff des Schiedsrichters ist für Florian Riedel und Christoph Schirmer das Zeichen, ihren Fernseher auszuschalten und den Opel anzulassen. Den Opel Omega, Baujahr 1986. Bis vor kurzem noch eierschalenfarben, jetzt knallgrün. Wegen des Kunstrasens auf der Motorhaube.

„WM-obil“ nennen die beiden ihr Gefährt, mit dem sie nach jedem Wochenendspiel und nach jeder Partie mit deutscher Beteiligung auf Berlins Straßen Aufsehen erregen. Kein Wunder, denn nicht nur der Kunstrasen lässt Passanten hingucken: Vorne und hinten wehen insgesamt acht Fahnen. Das Lenkrad ist mit schwarz-rot-goldenem Klebeband umwickelt. Und auf dem Dach steht ein gläserner Käfig: Darin hockt eine Pappfigur mit den Gesichtszügen Marco van Bastens, des niederländischen Teamchefs. „Wir mussten ihn kidnappen“, sagt Christoph Schirmer, „sonst wären die Holländer am Ende noch Weltmeister geworden.“ Jetzt, da diese Gefahr gebannt sei, werde das WM-obil umgebaut: Entweder muss Englands David Beckham in den Käfig – oder Jürgen Klinsmann wird auf einem Thron festgebunden. „Das entscheiden wir bis Freitag.“

Die Idee, ein altes Auto zu dekorieren und damit während der WM durch die Gegend zu fahren, kam Riedel und Schirmer zu Jahresbeginn. „Uns war klar, dass wir unsere Fußball-Begeisterung im Herzen irgendwie kanalisieren mussten.“ Nach eigener Aussage haben sie für ihr Projekt bisher nur Zuspruch erhalten. Sogar von holländischen Touristen. „Die zeigen uns den Daumen nach oben“, sagt Riedel, „ich hätte eher den Mittelfinger erwartet.“ Am begeistertsten reagiere die Polizei. „Regelmäßig werden wir aus dem Verkehr gewinkt. Aber nur, damit die Beamten vor unserem Wagen posieren und ihre Fotos machen können.“ Weil der Wagen schon alt und mehr als 300 000 Kilometer gefahren ist, wird auf den Touren zwischendurch immer wieder angehalten, repariert, Öl nachgefüllt. Seit der Kühlschlauch geplatzt ist, haben sie Wasser zum Nachgießen im Wagen. Schon zweimal mussten sie die Hupe auswechseln, „sie wird ja auch arg strapaziert bei den Siegesfeiern“. Meistens fährt das WM-obil durch Mitte. Über die Ebertstraße, Unter den Linden, Oranienburger Straße. Auf dem Kurfürstendamm waren sie nach dem ersten Deutschlandspiel, aber dort standen sie die meiste Zeit im Stau. Und Ignoranten haben ihnen zwei Fahnen vom Auto gerissen. Jetzt wird der Kurfürstendamm weiträumig umfahren.

Wenn die WM zu Ende ist, wollen Riedel und Schirmer das Auto bei Ebay versteigern. Den Gewinn werden sie für wohltätige Zwecke spenden. „Das wäre doch unmoralisch, wenn wir uns am Fußballfieber anderer Leute bereichern würden“, sagt Riedel. Außerdem kann er sich das leisten: Er arbeitet als Unternehmensberater. Sein derzeitiger Auftraggeber ist übrigens Holländer.

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