Berlin : Das Reichssportfeld: Berlins Olympia

Bernhard Schulz

Der Umbau des Olympiastadions für die anstehende Fußballweltmeisterschaft rückt ins Bewusstsein, dass das Bauwerk kein Solitär, sondern Teil einer sehr viel größeren Anlage ist: des Reichssportfeldes. Die propagandistische Wirkung, die sich das NS-Regime von den machtvollen Bauten anlässlich der Olympischen Spiele von 1936 erhoffte (und erzielte), fußte nicht allein auf dem imposanten Oval mit seinen bis zu 107 000 Zuschauern. Die gesamte Anlage folgte einem einheitlichen Konzept, von dem heute, nach einem halben Jahrhundert "Zweckentfremdung" als Sitz der britischen Militärregierung, nur noch wenig zu erkennen und noch weniger im Bewusstsein ist. So kommt das Buch von Wolfgang Schäche und Norbert Szymanski zur rechten Zeit, um das historische Unterfutter für die notwendige öffentliche Diskussion über die Zukunft des riesigen Areals zu liefern. Schäche ist der unzweifelhaft beste Kenner der Berliner Baugeschichte der NS-Zeit, und so verwundert nicht, dass er gleich mit einer hartnäckigen Legende aufräumt: der nämlich, dass Werner March, der Architekt des Reichssportfeldes, einen Entwurf in der Sprache der Moderne vorgesehen habe, der Hitler dermaßen erzürnte, dass er nur durch Albert Speers neoklassizistische "Korrektur" zu besänftigen gewesen sei. Die Quelle dieser Legende ist kein anderer als Speer selbst. Tatsächlich lässt sich nicht das kleinste Indiz dafür finden, und so darf gesagt werden, dass March selbst es war, der den "Führerwillen" nach einem demonstrativen Machtgestus erfüllte.

Die Autoren zeichen die verwickelte Planungs- und Baugeschichte in den Anfangsjahren des NS-Regimes nach, als sich der "Maßnahmenstaat" mit dem überkommenen Rechts- und Beamtenstaat durchaus noch in einer gewissen Balance befand, einer Balance freilich, die zunehmend in Richtung des ersteren kippte. Noch wurden Kostenschätzungen eingeholt, Mehrausgaben verworfen, wurde auf Deckungslücken hingewiesen - Einwände, die rapide an Gewicht verloren und mit der Drohung der Einsetzung eines "Olympia-Kommissars", der alle "Widerstände in rechtlicher und tatsächlicher Hinsicht" beseitigen sollte, beantwortet wurden.

Dessen bedurfte es nicht, das Gelände wurde zur Eröffnung der Spiele am 1. August 1936 weitgehend fertig - eine "architektonisch vielschichtige Anlage", wie die Autoren schreiben, "die jeden bis dahin bekannten Maßstab im Sport- und Versammlungsbau außer Kraft setzte". Werner March selbst nannte sein Werk den "deutschen Ausdruck des olympischen Gedankens". Ausführlich wird die politische Rolle des Reichssportfeldes dargestellt, vor allem auch nach den Olympischen Spielen, mit denen die Anlage in der Erinnerung allein identifiziert wird. Die Indienstnahme der Bauten reichte immerhin bis zu der gespenstischen "Vereidigung der Volkssturmmänner" im November 1944, kurz vor Beginn des verheerenden "Endkampfes".

Beim "Reichssportfeld" hielten sich die Kriegsschäden in Grenzen, bereits Wochen nach Kriegsende konnte beispielsweise das Schwimmstadion wieder genutzt werden. Die Übersiedlung des britischen Hauptquartiers im Jahr 1952 ließ dann die unzugänglichen Teile des Areals aus dem öffentlichen Bewusstsein schwinden; die Eingriffe, die die Briten im Laufe der Zeit insbesondere auf den Freiflächen vornahmen, blieben quasi unbemerkt. So wurde beispielsweise das Schwimmbad am "Haus des Deutschen Sports" noch 1982 zugeschüttet und mit Betonplatten belegt. Erst der Fall der Mauer und der sukzessive Abzug der Alliierten brachte das Areal in Berliner Planungshoheit zurück - aber da müssen die Autoren vor allem Ratlosigkeit konstatieren. Den Umbau des Olympiastadions heißen sie gut, fordern aber ein Gesamtkonzept für den "mehr als 131 Hektar umfassenden, erfahrbaren Zusammenhang von Freiraum, Architektur und Skulptur". Mit ihrem Buch öffnen sie den Blick für die Bedeutung einer Anlage, die zu den vielschichtigsten Hinterlassenschaften der jüngeren deutschen Baugeschichte zählt.

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