Berlin : Das romantische Leiden

Liebeskummer ist mehr als der Massenkonsum von Schokolade. Er wirkt auf Körper und Seele. Wissenschaftler haben herausgefunden: Liebende sind Junkies. Und nach der Trennung kommt der kalte Entzug

Bas Kast

Manchen schlägt er auf den Magen. Viele verlieren innerhalb von Tagen ein paar Pfund an Gewicht, andere lässt er den Kühlschrank plündern. Die einen greifen zu Tabletten, die anderen zur Flasche. Schlaflosigkeit, Erschöpfung, Kopfschmerzen, Konzentrationsverlust, die Beschwerden sind so vielfältig wie die Betroffenen selbst. Allen aber, die unter ihm zu leiden haben, ist eins gemeinsam: Ihr Herz ist gebrochen.

Diagnose: Liebeskummer. „Eigentlich ist Liebeskummer eine völlig normale Reaktion auf das Ende einer Beziehung oder auf eine unglückliche Liebe“, sagt Ina Grau, Psychologin an der Universität Bielefeld. Eigentlich.

Wie aber neue Forschungen nahe legen, lässt sich Liebeskummer kaum von einer Krankheit unterscheiden. So untersuchte ein Team unter Leitung des Neurologen Arif Najib von der Universität Tübingen die Gehirne von Frauen, die erst kürzlich von ihrem Partner verlassen worden waren.

Der Befund war erschreckend: Der Verlust hatte zu gravierenden Veränderungen im Gehirn geführt – ähnlich wie bei einer Depression.

Einige Hirnteile, die normalerweise aktiv sind, lagen nun fast brach. Der Mandelkern etwa, eine Struktur tief im Innern des Gehirns, die unsere Gefühle und Motivationen steuert, hatte sein neuronales Licht schlicht ausgeknipst. Auch in dem Areal, das direkt hinter der Stirn liegt – ein entscheidender Bereich für Aufmerksamkeitsprozesse sowie unsere Persönlichkeit – herrschte Funkstille.

„In Vorstudien stellten wir fest, dass bei Männern zwar dieselben Regionen reagieren, aber bei ihnen ist ein zehnmal kleineres Areal betroffen“, sagt der Neurologe Najib. Leiden Männer also weniger unter Liebeskummer als Frauen?

„Die Ergebnisse sind widersprüchlich“, sagt die Psychologin Grau. In Untersuchungen an Schülern und Studenten hat sie festgestellt, dass Frauen tatsächlich mehr unter dem Liebeskummer leiden. Es gibt aber auch Gegenstimmen: „Männer leiden mehr“, sagt der Londoner Arzt und Psychologe Frank Tallis, Autor des kürzlich erschienenen Buches „Love Sick“ („Liebeskrank“). Rückendeckung bekommt Tallis erstaunlicherweise aus einem Land, aus dem man es vielleicht am allerwenigsten erwarten würde: aus Italien.

So hat das Riza-Institut in Mailand 1000 Italienern zwischen 24 und 65 folgende Frage vorgelegt: „Waren Sie schon einmal richtig krank vor Liebeskummer?“ Mehr als ein Drittel der Männer antwortete spontan mit „Ja“ – nur jede fünfte Frau dagegen gab zu, aus Liebe schon mal dermaßen gelitten zu haben. „Liebe, arme Männer“, hieß es prompt in der Florentiner Zeitung „La Nazione“. „Wie es scheint, sind sie in Italien nun das schwächere Geschlecht. So viel also zum Thema Stereotypen.“

Andere Beobachtungen sprechen dafür, dass Frauen und Männer zwar in ähnlichem Maße leiden, allerdings zu unterschiedlichen Zeitpunkten. „Frauen leiden häufiger schon vor dem Ende der Beziehung“, sagt die Expertin Grau. „Meist sind sie es auch, die eine Beziehung beenden.“

Dann schlägt die Leidensstunde der Männer: Da sie die Neigung haben, für Beziehungsprobleme blind zu sein, trifft sie der Schlussstrich ihrer Partnerin oft wie ein Schlag ins Gesicht. Männer haben für gewöhnlich weniger Freunde als Frauen, und so stehen sie plötzlich ganz allein da. Und fressen den Schmerz in sich hinein. Eine US-Studie ergab: Die Gefahr, dass Männer sich nach einer Trennung umbringen, ist, im Vergleich zu Frauen vier Mal so groß. Bei einer deutschen Untersuchung kam heraus: Jeder vierte Mann begibt sich nach der Scheidung in eine Psychotherapie.

Verliebte sind Junkies. Liebe ist eine Sucht. Hirnscan-Versuche aus den USA und London bestätigen das: Sobald hochgradig verknallte Menschen ein Bild ihres Partners vor Augen haben, gerät ihr Gehirn in einen Zustand, als hätten sie gerade Kokain geschnupft.

Werden wir dann zurückgewiesen, ist das, als setze man unser Gehirn und den Körper auf Drogenentzug. Die gleichen Symptome und Verhaltensweisen treten zu Tage: Appetitlosigkeit, denn nur nach der Droge hungern wir. Zittern, denn nur die Droge hat uns beruhigen können. Trauer, denn nur die Droge kann uns glücklich stimmen. Und das Einzige, was uns durch den Kopf geht, ist: wie wir die Droge wiederbekommen können.

In einem Versuch, veröffentlicht im Forschermagazin „Science“, hat sich zudem gezeigt, dass bei einer sozialen Zurückweisung die gleichen Hirnteile aktiviert werden wie bei rein körperlichem Schmerz. Für unser Gehirn fühlt sich Liebeskummer somit ähnlich qualvoll an wie eine Daumenschraube.

Liebeskummer versetzt uns in den Zustand von chronischem Stress: Hormone wie Cortisol und Adrenalin werden ausgeschüttet, der Blutdruck steigt – ein Ausnahmezustand, der auf Dauer sogar aufs Herz schlägt, wenn es auch meist nicht wirklich bricht. Unter dem Stress leidet darüber hinaus das Immunsystem: Wir werden auch anfälliger für Infektionen.

Wen es wie hart erwischt, das ist die nächste Frage, die die Krankheit namens Liebeskummer aufgibt. Bei einigen ist die Folter bald verflogen, bei anderen hält sie Monate an. Es gibt jedoch, wie Psychologen in zahlreichen Studien nachgewiesen haben, drei unterschiedliche Liebestypen, die auch mit dem Ende der Liebe anders umgehen.

Die so genannten Liebesvermeider verdrängen das Problem, für sie steht die Liebe sowieso nicht im Mittelpunkt ihres Lebens, sie halten es auch gut alleine aus. Die „Liebessicheren“, zu denen der Großteil von uns gehört, gehen durch eine normale Phase des Schmerzes, überwinden diese aber bald – und öffnen sich für eine neue Beziehung. Am meisten leiden die „Liebesunsicheren“, sie brauchen die Liebe wie die Luft zum Atmen. Es sind die Leidenschaftlichsten unter uns, diejenigen, die für die Liebe leben, die an Beziehungen arbeiten, aber auch zum Klammern neigen. Für die „Liebesängstlichen“ geht mit einer Beziehung eine Welt in die Brüche, der Schmerz wirft sie Monate aus der Bahn, und manchmal Jahre. Und die Symptome können gefährliche Ausmaße annehmen.

Gibt es für sie denn gar kein Heilmittel? Kann man nicht resistent werden gegen Liebeskummer? Gibt es prophylaktische Mittel wie Echinacea gegen Erkältungen nicht auch gegen den Kummer nach dem Verlust? Bei den Befragungen der Bielefelder Psychologin Ina Grau empfanden die meisten Liebeskranken den Kontakt mit Freunden – reden, sich ablenken, gemeinsame Unternehmungen – als das beste Medikament. Ansonsten, so scheint es, hilft nur der grausame Therapeut namens Zeit.

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