Berlin : Das Schöneberger Dorf

Früher regierten Jugendgangs und Drogendealer im Sozialpalast – heute sagen die Mieter: Das ist so ruhig hier wie auf dem Land

Thomas Loy

Genau genommen hat Klaus-Rüdiger Landowsky den Sozialpalast gerettet. Der ehemalige CDU-Fraktionschef und ehemalige Bankmanager wollte das verwahrloste Hochhaus an der Schöneberger Pallasstraße 1998 einfach abreißen lassen. Das griff an die Ehre der Bewohner und setzte ungeahnte Energien frei. Es ging geradezu ein Ruck durch das „Pallasseum“, wie der Sozialpalast heute heißt. Parole: „Jetzt erst recht!“

Sechs Jahre später ist aus dem von Vandalismus und Drogenkriminalität gezeichneten Haus ein fast normaler Wohnblock geworden. Standen vor sechs Jahren noch 134 von 535  Wohnungen leer, sind es heute nur 22, davon drei wegen Todesfällen. Die „Selbstzahlerquote“, also Mieter mit eigenem Einkommen, steigt langsam über die 60-Prozent-Marke. Klaus-Peter Fritsch, der Geschäftsführer der Eigentümergesellschaft, will das Haus bis 2007 auch ökonomisch auf eigene Beine stellen – dann läuft nämlich die Wohnungsbauförderung aus. Fritsch hat die Parole ausgegeben: „Null Toleranz!“

Es gibt Videokameras auf den Gängen, ein zehnköpfiges Hausmeister- und Handwerkerteam und einen Mieterbeirat, der Beschwerden nachgeht. „Die Mieter trauen sich wieder, etwas zu sagen“, sagt Fritsch. Früher hatten sie Angst, Ärger mit den lokalen Jugendgangs zu bekommen. An der Wiederbelebung der „sozialen Kontrolle“ hat das 1999 eingerichtete Quartiersmanagement seinen Anteil. Ein Netzwerk von Initiativen kümmert sich um Kinder und Jugendliche, vermittelt Praktikumsplätze oder Computerkurse. Eine Team aus ehemaligen Junkies hält den neuen Spielpark sauber, der früher eine Multifunktionsfläche aus Parkplatz, Drogenmarkt und Müllkippe war. Im „Kaffeeklatsch“, einer Art Hauskantine, treffen sich türkische und deutsche Frauen zum Frühstück, oder nur so.

„Das ist wie in einem Dorf“, sagt  Melanie Brandstädter, die seit fünf Jahren im Pallasseum wohnt. „Wenn ich Schrippen hole, brauche ich zwei Stunden, bis ich wieder zu Hause bin.“ Für den Vermieter hat sie nur lobende Worte: „Mängel werden noch am gleichen Tag erledigt. Voriges Jahr bekamen wir eine neue Einbauküche. Die hat richtig was gekostet.“ Jeden Tag sitzen die Brandstädters im Park, spielen mit ihren Kindern oder quatschen mit den Nachbarn. Arbeit haben sie nicht, aber die Stimmung ist trotzdem gut. „Ich will eigentlich nicht mehr wegziehen.“ Andere Mieter sehen das ähnlich. Sibel M. etwa sagt: „Früher gab es hier Dreck und Müll, es war schrecklich. Heute ist es richtig schick geworden.“

Geschäftsführer Fritsch sagt, er habe jedes Jahr etwa 1,2 Millionen Euro in das Haus gesteckt, davon 900 000 Euro aus Fördermitteln, vor allem für abschließbare Flurtüren, Aufzüge und verglaste Treppenhäuser. Es gebe zwar Vandalismusschäden, aber weit weniger als früher. Die Probleme sind kleiner geworden. An der Kaffeeklatsch-Tür hängt heute ein Zettel vom Mieterbeirat: Man möge die Kinder doch bitte nicht mehr bis 24 Uhr draußen toben lassen. In Zukunft werde man in solchen Fällen die Polizei holen.

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