Berlin : Das schräge Sehnen

Die Finnen lieben den Tango – und dazu Lieder in Moll von M.A. Numminen. Heute spielt er im Tränenpalast

Wolfram Eilenberger

Kann er nicht, oder will er nicht? Ganz gleich, von welcher Sehnsucht M. A. Numminens Gesang gerade kündet – ob von einem fernen Märchenland, das kein Finne je gesehen hat, von einer Sommerliebe, die es niemals gab, oder dem ebenso heftigen wie hoffnungslosen Drang nach einer geschiedenen Frau –, immer wieder entgleitet ihm die Stimme, gerade so, als ob es seine Seele nicht ertragen könnte, den Ton zu treffen, genau das zu erlangen, wonach sie am meisten verlangt. Das ist komisch. Das ist traurig. Und es ist große Kunst.

Mit seinem schrägen Sehnen ist M. A. Numminen, der einstige Bürgerschreck und Aktionskünstler, heute einer der meistbeachteten Tangomusiker Finnlands. Es braucht nicht viel, seinen Platz innerhalb dieser finnischsten aller Kunstformen zu ermessen. Dafür genügt es, sich an einem Sommerabend ins Auto zu setzen, um von Helsinki aus gen Norden und damit in den Wald zu fahren. Dort hört man ihn überall in den „tanssilavas“, den ländlichen Tanzpalästen an den endlos geraden Landstraßen. Wem das zu aufwändig ist, der kann sich heute Abend im Tränenpalast die traurigen Lieder in Moll anhören.

Dort aber, in Finnland, sind die Regeln so strikt wie einfach. Es herrscht die Pflicht zur höflichen Aufforderung, wobei kein Mann, der noch gerade gehen kann, von seiner Erwählten abgewiesen werden darf. Auf der Empore spielt eine streng gekämmte Band auf Schlagzeug, Gitarre und Akkordeon, dem eigentlichen Leidensinstrument. Die übrigen Anwesenden beginnen ein selbstvergessenes Winden zu bekannten Melodien. Wilde Schrittvariationen sind auf dem knarrenden Parkett ebenso verpönt wie unsittliche Griffansätze. Zwei lang, drei kurz, so geht es Hand in Hand dahin, gestenlos wahren die Partner die Form, eine ganze dämmernde Sommernacht hindurch. Gewiss, wenn es miteinander ganz rund läuft, darf es auch mal ein flotter Zwischenschritt samt gehauchtem Kompliment sein: Meidän askeleet sopii niin hyvin yhteen (Unsere Schritte passen aber gut zusammen). Wer im Verlauf des Abends allerdings Absichten entwickelt, muss bis zum letzten Tanz warten. Allein ihn zu gewähren bedeutet etwas. Möglicherweise.

Der finnische Tango trat erst mit den fünfziger Jahren ins Zentrum der Volkskultur. Nordische Naturlyrik (Die Rose von Kotka) verband sich mit exotischen Phantasien (Fata Morgana), ländliche Liebeleien (Nacht hinter dem Fenster) mit ersten Frustrationen der modernen Technik (Warum schweigt das Telefon). Tangomelodie und Text bleiben dabei stets durchdrungen von der landestypischen Gewissheit, die eigentliche Wunscherfüllung befinde sich ohnehin außer Reichweite – und das sei wohl auch besser so. Als selbstbewusste Gegenbewegung zu Beat und Rock ersetzten die Stars des Genres die Exzesstriade „Sex and Drugs and Rock’n’Roll“ durch ein schlichtes Bekenntnis zum Alkohol und schufen so ihre eigenen Untergangsmythen, die bis heute gepflegt werden. Zwar konnte es nicht ausbleiben, dass sich mit dem überraschenden Revival der Tangobewegung zur Mitte der 80er Jahre auch ein Schuss Ironie in die gepflegte Verzweiflung mischte, doch ist die Tangofeier nach wie vor von einem geradezu heiligen Ernst bestimmt. Die jährliche Kür des Tangokönigs und der Tangokönigin beim Festival von Seinäjoki ist ein Ereignis von nationaler Bedeutung, und die Besetzung der Jury gerät leicht zum Politikum. Von tümelnder Folklore und läppischem Schlagerleichtsinn gleich weit entfernt, ziehen die Festivals und Tanzböden heute Finnen sämtlicher Bevölkerungsschichten und Altersgruppen an. Die Tangokultur ist zu einem wesentlichen Teil der eigenen Identitätspflege geworden.

Dieser Pflege hat sich auch der Multiartist M. A. Numminen auf seine und damit höchst eigensinnige Weise verschrieben. Gemeinsam mit der Tangoprinzessin Sanna Pietiänen tourt er mit seinem neorustikalen Tanzorchester durch Europa und lehrt die hohe Kunst der unerfüllten Erfüllung. Doch wo Prinzessin Pietiänens geschulter Gesang den Puristen verzückt, schlüpft Numminen mit seinen abweichenden Tönen in die Rolle des weisen Hofnarren. Grandios verbindet er verschiedenste Musikstile und Landesprachen mit den Klassikern seiner Tangotradition und folgt damit eben jenem Drang zur überraschenden Stilvereinigung, der den finnischen Tango einst selbst aus der Taufe hob.

Auch inhaltlich geht Numminen neue Wege, indem er den Tango mit seiner zweiten großen und notwendig unerfüllbaren Leidenschaft kreuzt, der Philosophie. Numminens Vertonung von Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosphicus, die er an guten Tagen auch im Konzert preisgibt, wird finnischen Studenten seit Jahren als Pflichtouvertüre auferlegt. „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, heißt der letzte Satz dieses Werkes. Numminen hat für diese sehnsüchtige Einsicht sein eigenes Wort gefunden. Er nennt es „Dägä“ und hält Dägä ernsthaft für die Erlösung der Welt. Die irdische Vorstufe zum Dägä aber ist der Tango; der finnische, versteht sich.

M.A. Numminen, Sanna Pietiänen und das Neorustikale Tango-Orchester spielen am heutigen Sonntag im Tränenpalast, Reichstagufer 17. Die Karten kosten 23 Euro.

Der Autor Wolfram Eilenberger ist Philosoph und hat mehrere Jahre in Finnland studiert.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben