Berlin : Das Schweigen der Künstler

Kaum einer der Kollegen der Selbstmörderin will sich zu dem Fall äußern, einer freut sich gar über die Werbung

Thomas Loy

Der Wächter der „blue door“ regiert ein großes Reich undefinierbarer Gegenstände, die wohl als Kunst zu bezeichnen sind. Irgendwo zwischen diesen fantastischen Wesen aus Holz, Pappmaché, Draht und Farbe stehen Skulpturen von Janine F., der Frau, die sich in den Tod stürzte. Doch der Wächter der blue door lässt niemanden an seiner Tür vorbei. „Bringt doch nichts, wenn man in diesem Sch… herumrührt.“ 40 Tage Schweigefrist hätten sie ausgemacht, um die Eltern zu schützen, sagt er fahrig. Übrigens wisse er gar nichts, nicht mal das, was in der Zeitung gestanden hat. „Ich lese nicht, interessiere mich nicht für Worte, gucke nur Filme.“ Dann weist er noch auf sein Triptychon hin, das mit den Frauenbeinen: „60 Euro – wollen Sie kaufen?“ In der „Manufaktur“ im Tacheles mit ihren vielen bemalten Türen ist dieser Tage „weihnachtlicher Räumungsverkauf“. Jeden Tag von 12 Uhr bis Drei in der Früh.

Bis zum Mittag ist das Tacheles ein toter Ort. Im Hinterhof stöbern die Tauben durch den Sperrmüll. Ein Mann im Ledermantel schaut in der üblichen Mischung aus Neugier und Abscheu durch den großen Torbogen. Unterwegs gewinnt seine Abscheu die Oberhand – er dreht sich um, sagt noch „Unglaublich“ zu seiner Frau und verschwindet.

Auch wenn niemand da ist, steht das mit Graffiti übersäte Treppenhaus offen. Bei der Sanierung wurde nebenan sogar ein Fahrstuhl eingebaut. Der ist allerdings nur mit Schlüssel zu bedienen. Die Tacheles-Ruine hat durch die Sanierung erheblich an Charisma verloren. Die oberirdischen Gangsterhöhlen wurden mit matt-braunen Fenstern verkleidet. Die Ateliers sind jetzt beheizbar und trocken, dafür fehlt ihnen die Wahrhaftigkeit des künstlerischen Existenzkampfes.

An der Wand im Treppenhaus bleckt der Tod sein grundgesundes Gebiss. Mehrere Farbschichten legen Zeugnis grafischer Selbstverwirklichung ab. Wer hier hinauf muss, sollte zur Sicherheit Scheuklappen tragen. Davon lassen sich Touristen nicht abschrecken, sagt Maler Alex Rodin aus Weißrussland. Er ist für ein halbes Jahr auf Einladung des Hauses im Tacheles und hämmert gerade das Leinwandgerüst für ein großformatiges Bild zusammen. Alles sei „very nice“ hier im Tacheles, sagt Alex. Künstler aus vielen Nationen kämen zusammen, die Touristen fragten ihn nach seinen Malereien aus. Und der Suizid? Seine merkwürdigen Umstände, die den Touristen einmal wieder die Schamesröte des Zweifels ins Gesicht trieb: Ist das jetzt Kunst?

Doch, Alex hat davon gehört. Tolle Kunst, habe das Mädchen gemacht, schließt er nahtlos an. Skulpturen, die Form und Farbe, Linie und Raum miteinander verbanden. „Very nice.“ Richtig kennengelernt habe er sie nicht. Unter Künstlern sei das auch nicht üblich. Sie interessierten sich eben für die Kunst, nicht so sehr für den Menschen. „Der Künstler teilt sich ja durch sein Werk mit“, sagt Alex.

In der „Manufaktur“ im 3. Stock sind die meisten Touristen heute aus der Medienbranche. Einige geben sich als Kunstsammler aus, um Hintergründe zu erfahren, aber bei den Manufakturisten beißen sie auf Granit. Also bleibt nur Feldforschung. An einer Tür klebt ein Plakat, das auf eine „Satanisch-Hedonistische Inventur“ hinweist. Mit dabei: „Black Massengers“ und „Lord of Darkness“. Irgendwoher dringt Trommelmusik. Auf einer Backsteinwand ist eine Art „Manifest“ der Künstlergruppe geschrieben. Man sei eine „künstlerische Gemeinschaft exzentrischer Malertalente“. Auf den 3-D-Bildcollagen, den 2-D-Ölgemälden und was sonst noch als Kunst im Räumungsverkauf angepriesen wird, sind nur selten Namen zu finden.

Ein Mensch mit Hut freut sich über die vielen Journalisten. „So gute Promotion hatten wir schon lange nicht mehr. Am Freitag ist Vernissage!“

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