Berlin : Das sind keine TÜV-Plaketten!

Klinikberater Hildebrand über Zertifizierungen Zertifikate bewerten nicht die Qualität der Behandlung Rolf Hildebrand, Klinikberater

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Bedeutet eine Zertifizierung, dass in diesem Krankenhaus besser behandelt wird, als in einer Klinik ohne Zertifikat?

Das kann man so nicht sagen. Denn in den Zertifizierungsverfahren werden keine Qualitätsdaten bewertet. Solche Zertifikate sagen also nichts über die Behandlungsqualität in einer Klinik aus. Das ist keine TÜV-Plakette.

Welchen Informationswert haben Zertifikate für den Patienten denn dann?

Bei den Zertifizierungen geht es um die Bewertung innerbetrieblicher Strukturen und Prozesse. Die Klinik hat sich einem zeitaufwändigen und teuren Zertifizierungsverfahren zu unterwerfen. Dies ist zumindest ein Zeichen dafür, dass man sich dort mit dem Gedanken Qualität intensiv auseinander setzt. Und das wäre ja auch schon was.

Welche Zertifizierungen gibt es?

Die vier wichtigsten in Deutschland sind „Kooperation für Transparenz und Qualität im Gesundheitswesen“ (KTQ), Procumcert (PCC), Joint Comission International (JCI) und ISO 9001. KTQ ist dabei mit rund 330 zertifizierten Krankenhäusern in Deutschland der Marktführer, gefolgt von Procumcert. Beide Zertifizierungen sind sich in ihren Anforderungen sehr ähnlich. Im Rahmen all dieser Verfahren müssen die Kliniken zunächst umfangreiche Papiere – eigentlich sind das eher Bücher – zur Organisation innerbetrieblicher Prozesse ausfüllen. Dieser Selbstauskunft schließen sich dann mehrtägige Besuche von Zertifizierern an, die die Angaben überprüfen.

Welches Klinikzertifikat ist aus ihrer Sicht das aussagekräftigste?

Mit Abstand JCI. Dieses Zertifikat wurde bereits 1951 für amerikanische Krankenhäuser eingeführt, weshalb das Verfahren auch ausgereifter ist. Da ist zum einen die Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse für jedermann, weil die Abfragen alle mit ja oder nein beantwortet werden. Ein paar Beispiele: In den JCI-Fragebögen wird gefragt, ob bei allen Patienten alle medizinischen Versorgungsschritte in den Patientenakten dokumentiert werden oder ob die Patienten in der Rettungsstelle innerhalb einer bestimmten Wartezeit versorgt sind. Oder: Werden in der Klinik schriftlich fixierte Leitlinien beziehungsweise Behandlungspfade bei der Therapie benutzt? Die Antwort kann nur lauten: ja oder nein. Und danach kann man immer wieder fragen, auch als Laie.

Werden diese Selbstangaben der Kliniken auch überprüft?

Ja, denn zu dem Verfahren gehört auch ein mehrtägiger Besuch von JCI-Mitarbeitern, die die Angaben stichprobenartig überprüfen. Es gibt Fälle, wo Kliniken die Zertifizierung verweigert wurde, weil sie die erforderliche Punktzahl nicht erreichten. JCI hat sich mit nationalen Modifikationen weltweit durchgesetzt – und in den USA würde kein Krankenhaus mehr Patienten über die staatlichen Versorgungssysteme oder von den großen Krankenversicherungen bekommen, wenn es keine Zertifizierung durch die Joint Commission vorweisen kann.

In Deutschland entwickelten Kliniken, Krankenkassen und Ärztekammern mit KTQ eine eigene Zertifizierung. Kirchliche Einrichtungen haben das KTQ-System um Kriterien der Spiritualität und der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft ergänzt und nennen ihr Zertifikat Procumcert. Was sagen diese Zertifikate aus?

Sie sind anders als JCI. Hier werden zwar ebenfalls bestimmte Kriterien abgefragt, etwa, wie der interne Patiententransport geregelt ist, wie Laborergebnisse schnell an den behandelnden Arzt übermittelt werden oder wie die Wirksamkeit von Schmerztherapien getestet wird. Doch sind hier keine Ja/Nein-Antworten vorgesehen sondern kurze Antworttexte, denen KTQ-Prüfer Punkte zuordnen. Ab einer Mindestpunktzahl gibt es dann das Zertifikat. Das heißt aber, dass diese Antworten nur schwer von Laien überprüft werden können. Schwer durchschaubar ist auch die Art, wie die Punkte vergeben werden. Da ist also noch Verbesserungspotenzial. Auf der anderen Seite sind die Kliniken aber durch die detaillierten Fragen motiviert, sich intensiv mit ihren innerbetrieblichen Prozessen zu beschäftigen – zumindest während der Zertifizierungsphase.

Die bisher genannten Zertifizierungsverfahren wurden von Fachleuten des Gesundheitswesens entwickelt. Dann gibt es da aber noch eine Industrienorm, die auf Krankenhäuser übertragen wurde: ISO 9001. Was verbirgt sich dahinter?

Bei dieser Zertifizierung wird geprüft, wie weit die innerbetrieblichen Abläufe einer zuvor hausintern definierten Norm entsprechen. Der Grundgedanke entspringt der Industrierealität: also der Absicherung, dass ein Produkt, das das Werk verlässt, immer wieder der Norm entspricht. Und nichts anderes zertifiziert ISO 9001 auch im Krankenhaus. Hier wird getestet, ob die Klinikabläufe so funktionieren, dass die „Produkte“ den Qualitätshandbüchern entsprechen, also beispielsweise die schnelle Probenauswertung im Labor oder die Einhaltung der Therapiestandards im Brustzentrum einer Klinik gesichert ist. Dabei geht es auch um Betriebsökonomie: sind die Arbeitszeiten der Mitarbeiter so organisiert, dass sie zur Verfügung stehen, wenn die Arbeit anfällt, also zum Beispiel zu den Hauptoperationszeiten. Dabei zeigt sich dann auch: die Unternehmen sind am erfolgreichsten, die flexible und motivierte Mitarbeiter haben.

Rolf Hildebrand (67) ist Qualitätsmanagement-Berater für Krankenhäuser und emeritierter Professor für Gesundheitsökonomie. Das Interview führte Ingo Bach.

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