Das Spiel geht weiter : Pokerface nach dem Überfall

UPDATE Der spektakuläre Raubüberfall schockte die Pokerspieler im Hyatt-Hotel nur kurz. Wenig später ging das Turnier planmäßig weiter.

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Cool bleiben ist alles in diesem Geschäft. Wohl deshalb wirken die meisten Pokerfreunde im Grand Hyatt Hotel am Potsdamer Platz eine gute Stunde nach dem Überfall am Samstagnachmittag schon wieder ziemlich aufgeräumt. Anderen sitzt noch der Schreck in den Gliedern. Auf dem Flur vor dem „Grand Ballroom“ sind Polizisten dabei, Zeugen zu vernehmen und Spuren zu sichern wie den umgekippten und dabei zu Bruch gegangenen Bistrotisch. Drinnen im großen Saal sitzen die Spieler wieder konzentriert an den Tischen, die sie zuvor bei der Massenpanik umgeworfen hatten.

„Ich saß am Tisch, als plötzlich eine Menschenmenge aufsprang“, sagt Paul-Otto, ein etwa 20-Jähriger aus Berlin. „Alle rannten, aber keiner wusste genau, was los war.“ Während einige unter den Tischen Deckung suchten, stiegen andere darüber hinweg Richtung Hinterausgang. „Die Räuber sollen gerufen haben, sie hätten eine Bombe“, erzählt ein anderer junger Spieler mit Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Genau weiß er das aber nicht. „Dann sind wir alle durch die Küche gestürmt und raus auf die Straße.“ Ein Franzose bestätigt die Fluchtrichtung und sagt, dass die Türen nicht sofort öffneten. Aber mehr als blaue Flecke habe wohl niemand abbekommen.

Während Paul-Otto dringend zurück in den Saal muss zur nächsten Runde, bleibt am Tatort ein grauhaariger Holländer zurück und schüttelt den Kopf. „Meiner Meinung nach waren das keine Profis. Wer hier mit dem Samuraischwert reinrennt, ist doch nicht ganz dicht. Profis hätten einmal in die Decke geschossen und nicht so rumgewurschtelt.“ In Paul- Ottos Schilderung ist das Samuraischwert eine Machete, deren Hülle sich aber glücklicherweise auf die Schnelle nicht entfernen ließ, was die Durchschlagskraft deutlich reduziert habe. Daher sei beim Gerangel mit dem Wach- und Hotelpersonal wohl niemand allzu schwer verletzt worden.

Der Holländer ergänzt seine Stümper- Theorie mit dem Hinweis, dass das ganz große Geld in der nahen Spielbank liege, während hier im Hotel hauptsächlich Jetons und Gutscheine zu holen seien. Insofern sei es logisch, dass der Ort nicht besonders gesichert werde. „Wozu denn?“, fragt der Mann, der zu dieser Zeit weder von der Heldentat des Wachmannes (siehe Interview) und eines Hotelmitarbeiters noch von der wahrscheinlich sechsstelligen Beute der Täter weiß.

Eingeweihte halten die Sicherheitsvorkehrungen für mangelhaft, und auch der Holländer – übrigens eine Koryphäe der Pokerwelt – wird nachdenklich: Vielleicht müsse man über Verbesserungen nachdenken, denn „früher waren bei so was 200 Leute und jetzt sind es 950“.

Die ersten Polizisten packen bereits zusammen, in der Hotellobby am unteren Ende der langen Treppe summt und brummt es wie an einem ganz normalen Tag. In diesem Moment kommt Sandra Naujoks alias Schwarze Mamba vorbei, laut Bild- Zeitung „Deutschlands abgebrühteste Zockerin“. Sie findet es „sehr schade, dass so ein paar, na ja, Idioten, das so versaut haben. Wir haben hier die europäische Elite versammelt. Die werden sicher gern wiederkommen.“ Mehr als den Riesenlärm hat auch sie nicht mitbekommen. Ein Hotelangestellter wirft derweil freundlich ein Kamerateam raus; beim Pokern kann Unruhe ja stören. Einer sagt in die Kamera, dass die sechs maskierten Täter mit einem schwarzen Mercedes geflüchtet seien. Der Einwand, dass es zu sechst im Mercedes ziemlich eng sein muss, interessiert ihn nicht weiter. Das Finale am Sonntag dagegen sehr.

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