Berlin : Das System Wowereit: Der Regierende Bürgermeister im Porträt

Sein Führungsstil

Um seine integrierende Kraft in der eigenen Partei muss sich Wowereit keine Sorgen machen. Er hält die SPD gut gelaunt bei Laune; er feiert auch mal Feste mit ihr. Als Regierender Bürgermeister ist sein Führungsstil ungeachtet seiner Repräsentationskunst noch unrund, wie man hinter den Kulissen hört. Er sorgt für Blumen auf dem Senatstisch, aber seine Sprache ist oft zu unverblümt. In dem Sinne ist er ein Mann mit zwei Gesichtern.

In den Senatssitzungen zieht er von liebenswürdig elegant bis bollernd alle Register. Die Grünen nennen es "autoritär". Bei der SPD gibt man zu, dass er mitunter ungeduldig und laut werden kann. Dass er sich zurücklehnt und Senatsvorlagen vor aller Augen verreißt, querbeet Senatoren "vorführt". Dann spricht noch der parlamentarische Haushaltspolitiker aus ihm. Das müsse er sich als Regierender abgewöhnen, sagen alle, überflüssiger Ballast fürs Klima. Es müsse vorher klar sein, ob eine Vorlage beschlussreif ist. Spezialproblem von Kultursenatorin Adrienne Goehler, mit der er sich bald neckend, bald ernst kabbelt: Sie empfindet Wowereit und den Senatskanzleichef Andre Schmitz als Neben-Kultursenatoren. Als koordinierende Verwaltungsstütze wird allseits Abteilungsleiter Norbert Kaczmarek geschätzt, den Weizsäcker vor 20 Jahren in die Senatskanzlei holte und der Wowereit ebenso loyal dient wie vorher Diepgen.

Nach dem Parteivorsitz der Sozialdemokraten strebt Wowereit nicht. Solange die Arbeitsteilung mit dem launigen, rhetorisch schwungvollen Parteichef Peter Strieder funktioniert, denkt er gar nicht daran.

Sein Naturell

Klaus Wowereit verkörpert Frohsinn, Optimismus, Kontaktfreude und kultiviertes Stilgefühl. Er ist ein unterhaltsamer Plauderer, der mit Komplimenten niemals geizt. Die Kehrseite seiner Ausstrahlung warmherziger Leichtigkeit: innere Distanziertheit, Ungeduld, Härte im Wollen, empfindliches Ehrgefühl, Eitelkeit. Mitunter lugt ein Narziss hervor. Vor der Wahl zum Regierenden Bürgermeister hielt er es für ratsam, sich als Schwuler zu outen. Über seinen Freund redet er nicht; das ist tabu. Er hat eine Vorliebe für Blumen, Golfspielen, Reisen in die weite Welt und bekocht zu Hause gern Gäste. Verwurzelt ist er in Lichtenrade, wo er in einfachen Verhältnissen unter familiären Schicksalsschlägen aufgewachsen ist. Er mag sich nicht trennen vom Haus der Mutter, die er dort als Benjamin unter fünf Geschwistern bis zu ihrem Tod gepflegt hat.

Seine Stärken

Wowereit ist durch und durch Pragmatiker, ein Taktiker mit eisernem Machtwillen. Er gilt als schlauer Fuchs, der auf seinen politischen Instinkt und kalkuliertes Risiko setzt. Er ist ein guter Zuhörer und Beobachter, sei es bei Kontaktgesprächen auf Empfängen im Plauderton oder bei Sachdebatten. Er lässt diskutieren, sagt selbst keine Minute zu früh, worauf er hinaus will. Wenn er es weiß, scheut er sich nicht, selbst vor Lobbyisten Farbe zu bekennen. Dennoch gibt er oft Rätsel auf wie die Sphinx. Doch es ist Selbstschutz; er will keine Angriffsflächen bieten. Nach diesem Muster hat er bisher keine erkennbaren Fehler gemacht. Dank seines Stilgefühls und seines Charmes ist er stark im Repräsentieren. Bei Ansprachen kann er in unpathetischen, kurzen Sätzen nach dem Herzen reden, Gefühle ansprechen, ohne dabei gefühlig zu werden.

Seine Schwächen

Dieser kommunikative Schweiger ist wortarm. Preisfrage: Hat er ein Weltbild, ein Stadtbild, ein Gesellschaftsbild? Man weiß nie recht, ob er seine Vorstellungen aus taktischem Kalkül verbirgt, bis sie mehrheitsfähig sind, oder ob er nur geschickt kaschiert, dass er den Weg des geringsten Widerstandes sucht. Dabei liebt er schnelle Entscheidungen in Einzelfragen, mitunter spontane. Manche sagen, mit der Erfahrung werde seine innere Souveränität wachsen. Er könne ohnehin erst mit dem neuen Senat politisch richtig Tritt fassen. Andere halten ihn bei aller Intelligenz und raschen Auffassungsgabe für intellektuell denkfaul. Sie vermissen das geistige Band seiner Aktivitäten. Gute Politiker brillieren, indem sie mit ihren Reden Botschaften unter die Leute bringen. Wowereit ist ein schlechter Rhetoriker. Ist der Regierende auch darin lernfähig?

Seine Freunde

Auf die Frage nach politischen Freunden oder Vertrauten hört man nur den Hinweis auf Wowereits ausgeprägte innere Distanz. Äußerst gepflegt ist das Verhältnis zwischen ihm und den Stützen seiner SPD-Machtbasis. Er kann sich auf die Loyalität von SPD-Chef Peter Strieder, Fraktionschef Michael Müller und Senator Klaus Böger als Hauptmann des rechten SPD-Flügels verlassen, mit denen jede Abrede klappt. Strieder und Böger wollten von vornherein nie Wowereit-Konkurrenten sein; Müller wurde auf Wunsch Wowereits Fraktionschef. In Sachfragen vertraut der Regierende beinahe blind Finanzsenatorin Christiane Krajewski und Innensenator Ehrhart Körting (beide SPD). Ein persönlich gutes Verhältnis hat er bei den Grünen zu Justizsenator Wolfgang Wieland. FDP-Chef Günter Rexrodt findet "meine Kontakte mit Wowereit angenehm".

Seine Gegner

Noch hat er keine politischen Feinde, sieht man von der CDU seit dem Bruch der Großen Koalition ab. Eberhard Diepgen findet den Wowereitschen Pragmatismus "grundsatzlos". Den CDU-Fraktionschef Frank Steffel übersieht Wowereit schlicht, seit der ihn einen "deformierten Charakter" genannt hat. Sollte im Umgang mit der CDU-Opposition ein vertraulich offenes Wort nötig sein, muss eben SPD-Fraktionschef Michael Müller ran. Mit hoher Wertschätzung spricht Wowereit nur vom früheren CDU-Finanzsenator Peter Kurth; das war immer so. Die Schiene zur PDS einschließlich Gregor Gysi hat sich fürs Erste erledigt; die verschmähte Braut ärgert ihn mit dem Spottnamen "Handlungsgehilfe des Kanzlers", na schön. Für Intimfeindschaften ist es noch zu früh. Sie können sich erst entwickeln, wenn sich der Regierende Blößen gibt.

Mögliche Gefahren

In der Koalitionsfrage machte Wowereit den Eindruck, als sei es ihm egal, ob man ein Problem so herum oder so herum löst. Hauptsache, es wird gelöst, und die Mehrheit stimmt. Diesen Eindruck machte er auch öfter schon in Sachfragen - sieht man von der Linie der Haushaltssanierung ab, die geradezu seine Mission ist. Er gilt als Spieler, aber es reicht nicht, nur ein Taktiker der Macht zu sein. "Qualität statt Quote", hat Wowereit für die Sozialdemokraten formuliert, als es um den Ost-West-Proporz im Senat ging. Da lugen erste Ost-Rebellen um die Ecke. Dahinter steckt eine grundsätzliche Frage, auf die er noch keine Antwort erkennen lässt: Wie wird er zum identitätsstiftenden Regierenden für alle? Und noch eine Gefahr: Irgendwann werden sich einzelne Politiker von SPD, FDP und Grünen in der Koalition frei schwimmen wollen.

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