Berlin : Das Tempodrom geht wohl doch in die Insolvenz

SPD-PDS-Koalition will das Kulturzelt vorerst nicht verkaufen

Ulrich Zawatka-Gerlach

Der Senat wird das Tempodrom voraussichtlich in die Insolvenz führen. Der geplante Verkauf des Kulturzentrums an den Liquidrom-Betreiber Dieter Böhm – für etwa drei Millionen Euro – sei „politisch wohl nicht durchzuhalten“, sagte der PDS-Haushaltsexperte Carl Wechselberg am Montag dem Tagesspiegel. „Selbst wenn die Insolvenz der betriebswirtschaftlich ungünstigere Weg wäre.“ In Kreisen des Senats und der SPD-Fraktion wurde ebenfalls bestätigt, dass die Diskussion „zunehmend in diese Richtung läuft“. Die Koalition käme damit den Grünen entgegen, die ebenfalls eine Insolvenz des Tempodrom fordern.

Im Senat drängt vor allem der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit auf eine solche Lösung des Problems. Die zweifelhafte Finanzierung des Tempodrom aus öffentlichen Geldern ist zur Belastung für die rot-rote Koalition geworden. Der Vorteil einer Insolvenz wäre, dass sämtliche Verträge und Verbindlichkeiten erst einmal abgewickelt werden könnten. Dazu zählen langfristige Pacht- und Stromlieferungsverträge und diverse Handwerkerrechnungen. Den Tempodrom-Betreibern Irene Moessinger und Norbert Waehl könne man das Feld nicht weiter überlassen, sagte Wechselberg. „Ansonsten erweckt die Koalition den Eindruck, dass sie einen Selbstbedienungsladen aufrechterhalten will.“ Nach der Insolvenz könnte das Kulturzelt wahrscheinlich zu besseren Konditionen verkauft werden. Der SPD verursacht es allerdings noch Bauchgrimmen, dass in diesem Fall wohl der Konzertveranstalter Peter Schwenkow die besten Karten hätte. Er gilt als der finanziell stärkste Kaufinteressent. Die CDU hingegen hält die Insolvenz für „den schlechtesten Weg“. Sie will die verantwortlichen Stiftungsmitglieder auswechseln, um einen baldigen Verkauf zu ermöglichen.

Die Opposition kritisierte gestern heftig, dass die mit der Sanierung des Tempodroms beauftragte Unternehmensberatung Steinbacher-Treuhand hohe Honorare erhalten hat. Für November 2002 bis März 2003 wurden 398340 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer in mehreren Raten gezahlt. Der Chef der Treuhand, Torsten Griess-Nega, ist zugleich Vorsitzender der Stiftung Neues Tempodrom. Die Honorare ab März 2003 (weitere 350000 Euro) wurden von der Beraterfirma gestundet und können im Verkaufsfall geltend gemacht werden. Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) hatte dem Parlament am 19. Februar falsche Zahlen genannt. „Meines Wissens hat sie (die Steinbacher Treuhand) eine Rate in Höhe von 50000 Euro erhalten, vielleicht aber auch noch eine weitere… Im Augenblick hat sie Forderungen in Höhe von insgesamt 400000 Euro ausstehen.“ Der Finanzsenator habe sich in seiner Antwort auf eine Anfrage der CDU auf unvollständige Informationen aus seiner Behörde verlassen, sagte gestern Sarrazins Sprecher Matthias Kolbeck.

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