Berlin : Das Tor den Toren (Glosse)

Gerd Appenzeller

Wo Bonn, die Vertraute, quer durch die Stadt eine Bahnlinie hatte, verläuft in Berlin die Ost-West-Achse. Da, wo es am Rhein die Schienenstränge gab, zieht sich an der Spree eine breite Straße hin, räkelt sich quer durch die Millionenstadt. An der Bahn in Bonn gab es eine zentrale, sozusagen unausweichliche Bahnschranke, die manchmal geschlossen war. Fünf Minuten oder so. An der Ost-West-Achse in Berlin gibt es das zentrale, sozusagen unausweichliche Brandenburger Tor, das manchmal geschlossen ist. Fünf Tage oder so.

Wann in Bonn die Schranke zu war, das konnte, wer wollte, aus dem Fahrplan ablesen. Für den war die Bundesbahn verantwortlich. Man wusste also, an wen man sich halten konnte, wenn aus den fünf Minuten mal sieben oder acht wurden. Wann in Berlin das Tor zu ist, weiß man nicht. Und wenn es statt fünf Tagen auch mal sechs, sieben oder acht zu ist, weiß man nicht, wer das angeordnet hat. Von 1961 bis 1989 war es dauernd zu. Die Berliner haben offensichtlich Sehnsucht nach der Zeit vor 1989. Deshalb spielen sie "Tor auf" oder "Tor zu".

Wer seinen Spaß an der Sache hat, das weiß man schon. Für 100 000 Mark, so wird gemunkelt, machen sie für jeden den Pariser Platz dicht. Für Onkel Franzens 60. Geburtstag zum Beispiel. Oder für die Verleihung des "Verstehen-Sie-mir?"-Pokals durch Verona Feldbusch. Für die Jahresfeier des Bundesverbandes der Kondomhersteller zum Beispiel, das würde besonders gut passen. Berlin ist, das haben die Bonner bereits begriffen, eine zutiefst demokratische Stadt. Jeder, der das Geld hat, darf am Brandenburger Tor feiern. Das Tor den Toren, sozusagen.

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