Berlin : Das Varieté eröffnete in der Prinzenallee eine Dependance

Hella Kaiser

Alle Achtung, die Frau hat Stimme. Und dazu noch was zu erzählen. Die Stationen einer Liebesgeschichte fächert sie auf, vom Herzflimmern und Glücksgefühlen über erste Irritationen bis hin zum bitteren Ende. Berührend und zum Schmelzen schön interpretiert Elisabeth Simon Lieder von Jacques Brel, Serge Gainsbourg, Edith Piaf oder Grace Jones. Ein Programm, das gebührenden Applaus verdient. Dass der am Donnerstagabend eher spärlich ausfiel, hatte die Chansonnière nicht zu verantworten. Nur eine Handvoll Zuschauer hatte sich in das neue Varieté "Glaskasten" in Wedding verirrt.

Kein Wunder, die Prinzenallee ist keine Flaniermeile. Tagsüber könnte man Terzi Hüseyin beim Schneidern zusehen oder im Siebziger-Jahre-Ambiente der Eis-Diele Schwanitz einen Cappuccino trinken. Aber abends? Weddinger Wüste pur. Ausgerechnet hier eröffnete das Chamäleon-Varieté eine Filiale. Erst 1998 hatte man begonnen, den lange leerstehenden, heruntergekommenen Gebäudekomplex zu sanieren. Ist man erst mal drinnen, reibt man sich verblüfft die Augen. Der Saal ist ein Juwel! Zwischen den zart rot getönten Wänden könnten rund hundert Gäste an Caféhaus-Tischen Platz nehmen. Einen Parkettboden gibt es und schwere Samtvorhänge, comme il faut.

Ein idealer Ort für Soloprogramme. Künstler, die in den Revuen des Stammhauses in Mitte auftreten, könnten ihre Programme hier weiterentwickeln, sagt Gregor Rajewsky, Leiter des "Glaskastens". Von "idealen Trainingsmöglichkeiten" schwärmt er und zeigt stolz an die Decke: "Wir haben fünf Trapezaufhängungen." Und tröstet sich mit der Gewissheit, dass auch das "Chamäleon" in Mitte zu Beginn eine fast einjährige Durststrecke zu überwinden hatte. "Damals, 1991, waren wir ja die ersten Mieter in den Hackeschen Höfen."

Die wenigen Passanten in der Prinzenallee zumindest schauen schon begehrlich auf das schillernde Chamäleon, das schön angestrahlter Mittelpunkt einer Bar im Haus Nummer 33 ist. Serviert wird hier noch nichts, das Geld für die Einrichtung fehlt. "Macht doch die Kneipe auf", habe kürzlich erst wieder ein Mann gebettelt, der nicht wisse, wo er abends hingehen solle. Weit und breit gebe es doch nichts. Der Bauherr eines nahegelegenen Bürokomplexes nahm bei der Eröffnung des Varietés gleich einen großen Stapel Flyer mit. "Der wirbt jetzt mit uns als Standortfaktor", lächelt Gregor Rajewsky. Und bemüht sich tapfer, Optimismus auszustrahlen. Die Weddinger, so hofft er, werden schon kommen, und zudem liegt Pankow gleich nebenan. Da, so weiß der Experte, "haben zu DDR-Zeiten doch viele Kulturliebhaber gewohnt".

Die Zwanziger Jahre, als hier im Dreh zwölf Varietés, Tanzsäle und ungezählte Cafés existierten, sind lange vorbei. Aber nicht vergessen. "Hier haben wir uns kennen gelernt", schwärmte ein altes Ehepaar und freute sich, dass "ihr" alter Ballsaal wieder so prächtig aussehe. Also: hereinspaziert! Heute abend zeigt Elisabeth Simon noch einmal ihr Programm (Beginn 20 Uhr), an den kommenden Wochenenden werden das Kabarett Obelisk und die Künstlerin Hilde Kappes auf der "Glaskasten"-Bühne stehen.Chamäleon im Glaskasten, Prinzenallee 33, Telefon: 282 71 18.

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