Berlin : Das veränderte Umland macht aus dem Spiegelei Berlin ein Rührei mit Speckgürtel

Claus-Dieter Steyer

Ausgerechnet mit einem Hühnerei lässt sich die Entwicklung unserer Städte wohl am besten illustrieren. Zuerst glichen sie einem gekochten Ei mit einer festen Schale. Die Industrie führte vor 200 Jahren zu einer starken Ausdehnung der großen Orte, so dass fast nur noch Spiegeleier anzutreffen waren: Der kostbare Dotter wurde von zerfließenden Rändern eingerahmt. Heute dagegen gibt es verbreitet nur noch Rührei mit einem Speckgürtel, der nach allen Seiten ausfranst. So beschreibt jedenfalls der als Architekturavantgardist geltende Cedric Price aus England seine Sicht auf die Stadt. Er hält sogar die Rührei-Stadt mit Speckgürtel, der als immer weiter ausufernde vorstädtische Peripherien zu verstehen sei, als optimal für freie Bürger. Los Angeles gilt in Architekturkreisen als Musterbeispiel für diese Theorie.

"Diese Entwicklung könnte aber auch in Berlin und seinem Umland passieren", sagt Michael Kraus, Sekretär der Abteilung Baukunst in der Akademie der Künste. Schließlich sei ein Ende des Baubooms in der Peripherie nicht abzusehen. "Nur leider genießt dieser Speckgürtel längst nicht die gleiche Aufmerksamkeit von Planern und Architekten wie etwa die Berliner Innenstadt." Da sich viele Analysen bisher auf zahlenmäßige Angaben über die "Randwanderer" beschränkten, habe die Akademie zusammen mit der Technischen Universität und der Hochschule der Künste nun erstmals nach Motiven, Erwartungen und Erfahrungen der Umzügler geforscht.

Aus vielen Interviews, die Psychologie-Studenten der TU diesseits und jenseits der Berliner Stadtgrenze führten, ist eine bisher einzigartige illustrierte Ausstellung unter dem treffenden Titel "Der Zug in die Peripherie" entstanden. Menschen unterschiedlicher Berufe, Herkünfte und Geschichte schildern in persönlichen Worten ihre Gründe vom Abschied aus Berlin und ihre Eindrücke von der neuen Heimat.

Sorgen um abnehmende Aktualität brauchen sich die Ausstellungsmacher wohl lange nicht zu machen. Denn der angesprochene "Zug in die Peripherie" fährt nach wie vor mit hohem Tempo. Zwischen 1993 und 1998 sind nach Angaben des Instituts für Regionalplanung und Strukturentwicklung in Erkner knapp 160 000 Berliner ins Umland gezogen. Ost und West hielten sich fast die Waage: 75 120 Umzügler kamen aus den Westbezirken, 82 240 aus den östlichen Teilen.

In den nächsten fünf Jahren werden nach Berechnungen der Statistiker weitere 200 000 Berliner an die Peripherie ziehen. Gefragt sind vor allem Ein- und Zweifamilienhäuser. "Der Anspruch ist immer noch ein Haus im Grünen", sagt Fachmann Klaus. "Die Interessenten wollen unbedingt um ihr Gebäude herumgehen können. Das hat natürlich Konsequenzen für die Grundstücksgrößen, die oft recht klein gehalten werden." Allerdings erhöht sich dadurch zwangsläufig das Risiko von Nachbarschaftsstreitigkeiten.

Dennoch sprechen die Zahlen gerade im Eigenheimbau eindeutig für das Umland: Wurden 1998 in ganz Berlin 3868 Ein- und Zweifamilienhäuser fertiggestellt, waren es im so genannten Speckgürtel 9000. Das liegt wesentlich an den Baulandpreisen. Denn hinter dem Berliner Ortsausgangsschild sinkt der Quadratmeterpreis oft um ein Drittel oder gar um die Hälfte.

"Die meisten Umzügler sind von den Verhältnissen in zentralen Lagen Berlins enttäuscht", sagt Professor Heiner Legewie von der TU Berlin, der das Ausstellungsprojekt wissenschaftlich begleitete. "Häßlichkeit bestimmter Viertel, Verkehrslärm in vielen Wohngebieten und die wachsende Kinderfeindlichkeit Berlins spielen bei den Motiven die wichtigste Rolle." Allerdings entscheide der Geldbeutel, ob Berliner an den Rand von Zehlendorf oder nach Bernau ziehen würden. Bevorzugt werden in der Regel ohnehin Orte in der jeweiligen Nachbarschaft des angestammten Berliner Bezirkes. Manche Familien seien zwar unzufrieden über die tatsächlich vorgefundenen Verhältnisse im Umland, doch nur wenige kehrten letztendlich tatsächlich nach Berlin zurück, urteilt der Professor.

Die erwachsenen Umzügler ins Umland sind in der Regel 30 bis 45 Jahre alt und verheiratet, ergab eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin. Die meisten jungen Familien besitzen demnach Kinder. Sowohl Vater als auch Mutter gehen in der Mehrzahl einer Beschäftigung nach.

Die finanziellen Nachteile einer so starken Abwanderung sind für Berlin nicht unerheblich: große Steuerausfälle, weniger Zuwendungen aus dem Länderfinanzausgleich, geringere Auslastungen von Schulen und Kitas. Selbst wenn die Zuzügler aus Brandenburg und anderen Bundesländern nach Berlin von den 200 000 Abwanderern abgezogen werden, bleibt für die Jahre 1993 bis 1998 ein Verlust von immerhin 120 000 Einwohnern - zugunsten des "Speckgürtels um das Rührei".

Die Ausstellung "Der Zug in die Peripherie" in der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, in Berlin-Tiergarten, ist bis zum 10. November täglich von 10 bis 19 Uhr geöffnet, am Montag erst ab 13 Uhr. Der Eintritt ist frei. Ab 14. November ist sie im Künstlerhof Buch zu sehen.

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