Berlin : Das vergessene Auto unter den Yorckbrücken

Passanten fragen sich seit Wochen, welches Schicksal sich hinter dem Lancia aus Italien verbirgt, der stark beschädigt auf dem Gehweg steht

Tanja Buntrock

Die armen Italiener. Was denen wohl passiert ist? Wenn man die Yorckstraße entlangfährt oder -radelt, kann schon mal die Phantasie mit einem durchgehen. Denn seitlich auf dem Gehweg unter den Yorckbrücken steht der silbermetallic-farbene Lancia wie ein verlassener Hund ohne Herrchen. Ein italienischer Hund: Hinten ist das Kennzeichen aus Rom noch zu sehen. Vorne nicht mehr. Die Frontpartie ist völlig zerknautscht, die Motorhaube gleicht einer starren Knitterdecke. In den Zwischenräumen stecken abgebrannte Böller. Drinnen baumelt ein Radio an herausgezurrten Kabeln. Seit über zwei Wochen parkt der Blechhaufen schon dort.

Waren die Besitzer italienische Touristen, deren weihnachtlicher Berlin-Besuch traumatisch, vielleicht sogar schleudertraumatisch endete? Sind die Insassen bereits wieder nach Bella Italia abgeschwirrt und haben ihre Schrottkarre einfach stehen lassen, um sich die Kosten für die Entsorgung zu sparen? Und wer zahlt dann, das Ding wegzuschaffen? Die Polizeibeamten in der Direktion 4 wissen mehr. „Wir sind bereits dabei, den Fall zu bearbeiten“, sagt Sprecher Jörg Nittmann. Er löst das Rätselraten auf: Den Lancia hat Valentin M., ein 34 Jahre alter Rumäne, gefahren – allein. Seine Familie lebt in der Nähe von Rom. Das Auto hatte er sich ausgeliehen, um rumänische Freunde in Berlin, in der Kreuzberger Katzbachstraße, zu besuchen. In der Nacht vom ersten auf den zweiten Weihnachtsfeiertag macht Valentin M. sich auf, in Richtung Italien. Doch weit kommt er nicht: Gegen 1 Uhr fährt er die Yorckstraße entlang, verliert die Kontrolle über sein Auto und brettert gegen einen der Brückenpfeiler. Warum, kann die Polizei noch nicht sagen: „Fahrerfehler, kein Fremdverschulden“, zitiert Nittmann aus dem Protokoll. Irgendjemand ruft Polizei und Krankenwagen. Valentin M. blutet am Kopf, hat sich das Bein verletzt. Der Rumäne wird ins Krankenhaus Neukölln gebracht. Dort machen sie auch eine Blutprobe: Wahrscheinlich zu viel Alkohol. „Das Ergebnis müssen wir aber noch abwarten.“ Einen Führerschein hat er nicht dabei. „Auch das überprüfen wir. Vielleicht hat er den ja in Italien vergessen“, sagt Nittmann.

Kurz vor Silverster wird Valentin M. aus dem Krankenhaus entlassen. Zunächst kommt er bei Freunden unter. Inzwischen ist er wieder in Italien. „Wir müssen ihm ein paar Tage Zeit lassen, alles zu organisieren“, sagt Nittmann. Schließlich ist Valentin M. dafür verantwortlich, dass das Auto vom Gehweg beseitigt wird. „Sieht zwar aus wie ein Totalschaden, ist es aber nicht.“ Und seine Versicherung müsste auch für den beschädigten Brückenpfeiler aufkommen. Wenn er denn eine hat – „das werden wir klären“. Vielleicht aber kann Valentin M. schneller geholfen werden, als er glaubt – jedenfalls, was den Wagen betrifft: Ein Taxifahrer, der privat das gleiche Auto fährt, hat seine Handynummer an der Windschutzscheibe hinterlassen: Der Lancia sei ein „klasse Ersatzteillager“. Er würde ihn kostenlos entsorgen. Valentin M., bitte melden!

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