Berlin : Das Verhalten der Mutter bleibt ein Rätsel

Ermittlungen wegen Vernachlässigung dauern an Solange werden die vier Kinder im Heim betreut

Claudia Keller,Lars v. Törne

Im Fall der vier vernachlässigten Kinder dauern die Ermittlungen der Polizei an. Die Mutter werde vernommen, bleibe aber auf freiem Fuß, sagte ein Polizeisprecher am Sonnabend. Der 46-Jährigen wird vorgeworfen, die Fürsorge- und Erziehungspflicht verletzt zu haben. Sie soll, wie berichtet, ihre vier Kinder im Alter von 8, 9, 11 und 12 Jahren seit vergangenem Sommer in der verdreckten Wohnung weitgehend allein gelassen und bei ihrem Freund gelebt haben. Der Fall war am Freitag öffentlich geworden.

Die zuständige Kommissariatsleiterin beim Landeskriminalamt, Gina Graichen, sagte nach einem Telefongespräch mit der Mutter, diese habe dabei „normal“ gewirkt. Zudem scheine die 46-Jährige weder besorgt, noch habe sie sich betroffen gezeigt, sagte Graichen im RBB-Inforadio. Sie fürchte, dass der Frau „nicht so richtig“ bewusst sei, was sie getan habe. Möglicherweise habe sie verdrängt, was ihre wirklichen Aufgaben seien, weil es ihr wichtiger gewesen sei, bei ihrem Freund zu bleiben.

In der Nachbarschaft der seit Jahren vom Jugendamt betreuten Familie in Prenzlauer Berg herrscht Ratlosigkeit. Niemand will dort, wie berichtet, etwas von der Verwahrlosung bemerkt haben. „Wie? Die Vier aus dem Vorderhaus?“, wunderte sich ein Nachbar. „Das kann doch gar nicht sein. Die beiden Jungen habe ich doch erst kürzlich wieder mit dem Fußball zum Fußballplatz um die Ecke gehen sehen.“ Dort hätten sie oft gespielt. Die beiden Mädchen hätten oft auf der Grünanlage gegenüber dem Haus gespielt. Alles habe gewirkt wie immer, sagt eine Nachbarin, die Kinder hätten freundlich gegrüßt im Treppenhaus. Obwohl, wenn sie nachdenke, falle ihr auf, dass sie die Mutter länger nicht gesehen habe. Außerdem habe sie sich gewundert, dass nachts der Fernseher nicht mehr lief und die Fenster nicht mehr so oft aufstanden.

Wie ist es möglich, dass eine Not leidende Familie vom Jugendamt betreut wird, und es bleibt verborgen, dass vier Kinder fast ein Jahr lang auf sich alleine gestellt sind? Für Pankows Jugendstadträtin Christine Keil (Linkspartei/PDS), in deren Bezirk die Familie wohnt, ist das kein Widerspruch. „Es kann keine hundertprozentige Durchsichtigkeit von Betroffenen geben“, sagt sie. Die Familie wurde seit 1998 von Sozialarbeitern betreut und habe manches Hilfsangebot wahrgenommen. „Der Sozialarbeiter hat sich intensiv um die Familie gekümmert.“

Niemandem fiel auf, dass die Kinder alleine und überfordert waren? Die Stadträtin erklärt es damit, dass die Betreuer lange den Schutz der Familie und ihre Integrität im Blick gehabt haben. Es sei ein schwieriger Abwägungsprozess zwischen dem Ziel, der Familie die Selbstbestimmtheit zu lassen, und dem Misstrauen der Behörden. Weil bei dem Sozialarbeiter zuletzt das Misstrauen überwog, habe man die Mutter am vergangenen Donnerstag zu einem Gespräch geladen. Als sie nicht erschien und stattdessen der Zwölfjährige von zu Hause erzählte, habe der Sozialarbeiter „sensibel und verantwortungsbewusst“ gehandelt. Jetzt sind die Kinder vorläufig in einem Heim untergebracht – gemeinsam, um ihnen diese Sicherheit nicht auch noch zu nehmen.

Bereits am Freitag hatte der Sozialarbeiter ein Gespräch mit der Mutter geführt, die nach ersten Erkenntnissen seit vergangenem Sommer bei ihrem Freund in einer anderen Wohnung lebte. Am Montag ist das nächste Gespräch geplant, sagt Jugendstadträtin Keil. Dabei geht es unter anderem darum, ob die Muter kooperationsbereit ist und die Situation im Interesse der Kinder ändern will. Als Beispiel für das Versagen der Kontrollsysteme sieht die Stadträtin den bundesweit Aufsehen erregenden Fall aber nicht. „Die Familie war bekannt, das Jugendamt hat verantwortlich gehandelt.“

Das bewertet auch die Pankower Jugendpolitikerin Sandra Scheeres so, die für die SPD im Abgeordnetenhaus sitzt. „Das Jugendamt hat den Jungen ernst genommen und sofort richtig reagiert“, sagt sie. Zugleich zeige der Fall, dass alle Einrichtungen, die sich um Kinderschutz kümmern, so eng wie möglich zusammenarbeiten müssen, was der Senat mit seinem neuen „Netzwerk Kinderschutz“ beabsichtigt. Das wird derzeit in die Praxis umgesetzt – nach einem Jahr Anlaufzeit. So soll am Mittwoch eine Telefonnummer bekannt gegeben werden, unter der Vernachlässigungen gemeldet werden können, sagt die Sprecherin der Senatsschulverwaltung. Bärbel Schubert. Für sie bestätigt der aktuelle Fall, „dass man am Kinderschutz immer weiter arbeiten muss“. So sehe das neue Konzept neben dem besseren Informationsaustausch zwischen Behörden, Ärzten, Betreuungseinrichtungen und Polizei ausdrücklich vor, dass Sozialarbeiter Familien in ihren Wohnungen aufsuchen, wenn es Anzeichen für eine Gefährdung der Kinder gibt.

Die Opposition bezweifelt allerdings, dass das neue Konzept den Kinderschutz wesentlich verbessert. „Es gibt zu wenig Personal für die Betreuung“, sagt Sascha Steuer, Familienexperte der CDU-Fraktion. So sei es früher üblich gewesen, dass Amtsmitarbeiter nach der Geburt eines Kindes die Familie besuchen. Heute finde dieser Erstkontakt meist nur noch per Brief oder Telefon statt. Ob das neue Konzept im aktuellen Fall etwas geändert hätte, ist ohnehin fraglich. Nach den bisherigen Informationen war von außen nicht zu erkennen, wie es den Kindern ging, da sie sich bemühten, den Anschein einer ordentlichen Familie zu wahren.

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