Berlin : Das Volk drückt sich an der Glastür die Nase platt

EVA SCHWEITZER

BERLIN .Erster Großansturm im Reichstag: AM Tag vor der offiziellen Eröffnung durften einige hundert Journalisten und Abgeordnete schon mal das vollkommen umgebaute Gebäude besichtigen.Für die Bevölkerung heißt es noch für zwei Tage: Draußen bleiben.Von Mittwoch bis Sonntag kann das Gebäude dann von jedermann besichtigt werden.



"Wenn diesmal die Mikrofonanlage nicht funktioniert", sagt Dietmar Kansy (CDU), Vorsitzender der Baukommission, "gebe ich eine Weltfirma zum Erschießen frei." Um dann rasch hinzuzufügen, dies sei natürlich ein Scherz.Dietmar Kansy ist in einer zwar etwas nervösen, aber eigentlich doch recht guten Stimmung, denn der Reichstag, das neue Plenargebäude des Bundestags, wird heute seiner Bestimmung übergeben.Gestern führte die Bundesbaugesellschaft Berlin nun endlich hochoffiziell die Presse durch das funkelnagelneue Haus.

Hunderte von Journalisten drängen in wilden Rudeln Kansy, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und dem Architekten Sir Norman Foster hinterher, dazwischen Kameraträger, bereit, jedem, der nicht aufpaßt, das Stativ über den Schädel zu schlagen.Der erste Fahrstuhl hat den Geist schon aufgegeben, und draußen vor der Tür drücken sich die Berliner die Nasen platt und können es nicht fassen, daß sie nicht hereindürfen.

Erster Eindruck: viel Glas und Stahl, dazu hellgemaserter Marmor, die Innenausstattung zumeist in Grau, bunte Holzpaneele.Hauptattraktion ist Fosters riesige begehbare Kuppel, innen verspiegelt, dazu die Dachterrasse, auf der gerade FDP-Chef Wolfgang Gerhard steht und drei Fernsehteams erzählt, daß man die Arbeit in Berlin auch "in einem Stück Baustelle aufnehmen" könne.Das muß er auch, denn die Büros rundum sind bei weitem nicht fertig.Das Restaurant auf dem Dach wird nächste Woche eröffnen, zu noch recht bezahlbaren Preisen übrigens.Von der Terrasse aus seien 24 weitere Kuppeln im Umkreis zu sehen, sagt Foster, weshalb auch keine Rede davon sein könne, daß er die Idee mit der Kuppel von seinem Kollegen Santiago Calatrava geklaut habe.Kansy setzt noch eins drauf."Calatrava hat eine Kathedrale auf dem Dach des Reichstags entworfen, die wollten wir nicht."

Andere Sorgen hat die SPD.Schon bei der Herfahrt habe man die "provozierenden Schilder" des Berliner Senats bemerkt, auf denen stehe "Reichstag, Sitz des Bundestages", sagt Wilhelm Schmidt, Umzugsbeauftragter der Sozialdemokraten.Aber man sehe das locker.Ganz locker."Sprache läßt sich nicht reglementieren", sagt Thierse später und meint die Bierdeckelaktion der Berliner CDU für den Namen "Reichstag".

Als nächstes werden die Sitzungssäle in den Dächern der vier Ecktürme besichtigt, die "gewöhnungsbedürftig" seien, sagt Thierse.Es sind sehr schmale, sehr hohe Räume mit rohverputzten Ziegelwänden, die Fenster ganz oben, was sie mittelalterlichen Kerkern nicht ganz unähnlich macht."Schrecklich", findet sie Franziska Eichstädt von den Grünen - die Grünen haben in einem der Kerker ihren Fraktionssaal, in einem anderen die PDS."Für die Raucher ist das natürlich gut", sagt Thierse.

Wie bestellt, weist eine Stimme aus dem Lautsprecher darauf hin, daß "im Reichstagsgebäude das Rauchen verboten" sei.Brigitte Baumeister, Umzugsbeauftragte der CDU, hätte die Innenausstattung gerne ein bißchen wärmer gehabt."Mehr so wie in Bonn." Noch ein Stockwerk tiefer liegt der Plenarsaal, mit seinen lilaleuchtenden Sesseln wie ein später Sieg der Frauenbewegung.Die Besuchertribünen hängen Schwalbennestern gleich über den Sesselreihen der Abgeordneten, und dies sei doch sehr "gemütlich", meint Foster.

Kansy erklärt zwei ausländischen Journalisten, warum der Adler im Plenarsaal aussehe wie die "Fette Henne" in Bonn und nicht wie Fosters magerer Entwurf: "Corporate Identity" der Bundesrepublik.In der Lobby hinter dem Westportal, dem Haupteingang, erinnert Thierse daran, daß von hier aus Philip Scheidemann 1918 die Republik ausgerufen habe.Die Lampen im Vorraum sind geformt wie leuchtende Kreise.Blickt man nach draußen auf die Baustelle, vermeint man Kräne mit Heiligenscheinen zu sehen.

Die Gespräche werden privater."Achtzehnhundert warm", sagt ein Kollege aus Bonn zum anderen."Aber sie hat keinen Balkon." Die Stimme aus dem Lautsprecher hat dazugelernt und verbietet das Rauchen "im Gebäude".Wie bekommt man nun ein Taxi? "Wissen wir auch nicht", sagt der Saaldiener."Wir sind heute aus Bonn gekommen."

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