Berlin : Das Volk kam, sah und debattierte

Großer Andrang beim Tag der offenen Tür in Bundesrat und Abgeordnetenhaus

Marc Neller

Phoebe Häßelbarth macht sich gut im zweithöchsten Staatsamt. Jedenfalls zeigt die junge Dame ein abgeklärtes Gesicht, zufrieden mit sich und der Welt hat sie sich den Platz am Schreibtisch des Bundesratspräsidenten genommen. Aufgeweckt und sympathisch ist Phoebe, sie zieht die Blicke auf sich.

Noch aber ist es für politische Ambitionen zu früh. Das Mädchen ist achteinhalb Monate alt und damit einer der jüngsten Besucher, die zum Tag der offenen Tür in den Bundesrat und das Berliner Abgeordnetenhaus gekommen sind. Mehrere tausend Gäste sind es schon bis zum Mittag – „deutlich mehr als im vergangenen Jahr um diese Zeit“, wie eine Mitarbeiterin des Abgeordnetenhauses sagt. Viele wollen das karg eingerichtete Arbeitszimmer des Bundesratspräsidenten sehen.

Auch vor dem Abgeordnetenhaus stehen sie Schlange. Viele sind hier, weil sie Antworten hören wollen auf aktuelle politische Fragen. Der Plenarsaal ist voll, als Parlamentspräsident Walter Momper (SPD) und Vertretern aller Fraktionen die EU-Verfassung und die Integrationsprobleme ausländischer Bürger diskutieren. „Warum hat man in der Multikulti-Diskussion Warnungen wie die des Neuköllner Bürgermeisters Heinz Buschkowsky so spät gehört?“, will ein älterer Herr aus dem Zuschauerraum wissen.

Auch die anderen Diskussionsrunden, bei denen die Menschen die Politiker löchern können, sind sehr gut besucht – etwa die Fragestunde mit dem amtierenden Bundesratspräsidenten Matthias Platzeck (SPD) im Plenarsaal des Hauses. Eines der spannenden Themen dieser Runde: Was hat es für Folgen, wenn es in Deutschland immer weniger Junge und immer mehr Alte gibt?

Durch die Gänge der beiden Parlamentsgebäude ziehen Gruppen, die sich über die Geschichte der Häuser informieren. Das Kontrastprogramm spielt sich im Erdgeschoss des Bundesrats und im Hof zwischen Bundesrat und Abgeordnetenhaus ab. Auf einer Bühne wird live musiziert, die drei Musketiere aus dem Theater des Westens treten auf. Es gibt Bratwürste von beachtlicher Länge. Draußen scheint die Sonne, die Berliner Sportjugend tanzt. Und die Hausherren, Platzeck und Momper, erzählen Journalisten, alles laufe so, wie man es sich für einen solchen Tag wünsche.

Das ändert sich dann aber, zumindest für Platzeck. Es gibt noch eine Diskussionsrunde im Bundesrat. Neuwahlen in diesem Jahr, die gescheiterte Föderalismus-Reform, die heiklen Themen scheinen abgehakt, als der Moderator, Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt, die Rede auf das Hickhack um den Flughafen Schönefeld lenkt. Platzeck sagt: „Es war bisher ein schöner Tag.“ Das Thema, man sieht es ihm an, taugt nicht, um zu repräsentieren.

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