Berlin : Das Volk und das dressierte Vieh

Von Exoten in der Menagerie bis zum Artenschutz im Zoo: Eine Ausstellung über 200 Jahre Tiere in Berlin

Christian van Lessen

Auf der Pfaueninsel leben nicht nur Pfauen, auch Bären in einer Grube. Kängurus und Affen hüpfen am Havelufer herum, Alligatoren und ein Löwe sind auch dabei. Die Insel ist ein höfischer Tiergarten, eine Menagerie. Und beliebtes Ausflugsziel der Berliner und Potsdamer. Aber auch Jahrmärkte bieten um 1800 Exotisches. Vorm Halleschen Tor ist ein kleiner „indianischer Garten“ angelegt, in dem Schlangen gezeigt werden. Am Opernplatz und auf dem Gendarmenmarkt stehen Bretterbuden, in denen uniformierte Affen zum Spaß der Berliner zackig mit Holzgewehren exerzieren oder säbelschwingend auf Ziegenböcken reiten. Die Leute staunen und lachen. An Tierschutz und artgerechte Haltung wird kaum ein Gedanke verschwendet. Es ist faszinierend und schaurig, welches Affentheater Berlin in jener Zeit – der Zoo wurde erst 40 Jahre später gegründet – schon zu bieten hatte.

Über die Kulturgeschichte der Menagerien und Berliner Zoologischen Gärten will eine Ausstellung informieren, die von Mittwoch an bis in den Februar hinein im Ephraim-Palais der Stiftung Stadtmuseum Berlin zu sehen ist. Dabei kommen die Besucher den Tieren ganz nah: dem (ausgestopften) Eisbären, der sich im ersten Stock des Palais unterm barocken Kronleuchter reckt, oder der Berliner Zoo-Legende Knautschke. Die Pandabärin Tjen-Tjen ist dabei, auch das Krokodil Swampy, einst Maskottchen der US-Truppen in Berlin. Der Stiftung Stadtmuseum Berlin gelang es 2002, die wohl größte zoohistorische Sammlung Europas der Zoologen Inge und Werner Kourist zu erwerben. Zu ihr gehören Gemälde, Grafiken, Plakate, Zooführer, Eintrittskarten, 24 000 Zoo- und Tierfotos – eine Auswahl wird nun erstmals gezeigt.

Geboten wird ein schaurig-schöner Einblick in die damaligen Menagerien mit ihren Dressuren in Jahrmarktbuden. Es gibt Berichte über die Anfänge von Zoo und seinem späteren Ost-Berliner Pendant, dem Tierpark Friedrichsfelde. Dazu gehören rund 100 Aufnahmen des Fotografen Friedrich Seidenstücker vom Berliner Zoo aus den zwanziger bis fünfziger Jahren. Auch beeindruckende Dokumente der Kriegszerstörungen und etliche Porträts von Lieblingstieren der Zoobesucher, wie vom Gorilla Pongo oder dem Elefanten Siam. Sie gehörten zu 90 Tieren im Zoo, die die schweren Bombenangriffe überlebten. Das Ephraim-Palais wird damit zum kleinen Zoo-Museum, das mit Präparaten, Bildern und Fotos von der Leidenschaft der Menschen erzählt, fremde Tiere zu betrachten.

Schon in der Antike hielten Herrscher die Exoten als Zeichen ihres Reichtums. Der Begriff Menagerie wurde erstmals 1552 für eine Tierausstellung verwendet: am österreichischen Hof. Ludwig XIV. ließ 1663 im Versailler Schlosspark Gehege für exotische Tiere bauen. Eine große, bis heute erhaltene Menagerie entstand am Schloss Schönbrunn bei Wien. Friedrich Wilhelm III. machte mit seiner Menagerie die Pfaueninsel populär, sein Nachfolger gründete den Zoologischen Garten, folgte damit Empfehlungen des bekannten Forschers Alexander von Humboldt. Aber die Zeit, in der fremde Tiere auf Jahrmärkten in Wandermenagerien zur Schau gestellt wurden, sollte noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dauern.

In der von Kurator Hans-Joachim Veigel organisierten Ausstellung wird die Zeit wieder lebendig, Dokumente belegen die Suche nach wilden Tieren auf fremden Kontinenten, das Einfangen, Einschiffen, die Ankunft, das öffentliche Staunen über Löwen, Elefanten oder Affen. Beim Anblick einer Giraffe waren Pariser von der Fellmaserung so fasziniert, dass sie gleich eine Giraffenmode schufen, Westen, Hosen, Kleider, Handschuhe in diesem Muster entwarfen.

Gemälde und Fotos belegen, wie der Berliner Zoo nach und nach zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt der Stadt wurde, mit großen Konzerten und „Kinderausblasen“, wenn sich Kinder einfanden, die ihre Eltern im Gewühl verloren hatten. Sie zeigen auch die architektonische Vielfalt, die Elefantenpagode, das Straußenhaus als ägyptische Tempelarchitektur, das orientalische Antilopenhaus. Sie zeigen, wie der Zoo in Trümmer ging, seinen Wiederaufbau zu einem der artenreichsten Zoos der Welt. Und sie dokumentieren die Anlage eines neuen Tierparks in Ost-Berlin 1955 in Friedrichsfelde, der heute einer der weltweit größten Landschaftstiergärten ist. Im Begleitprogramm zur Ausstellung wird die Reporterin Karin Rohn an ihre Radiosendungen mit dem einstigen Tierparkdirektor Heinrich Dathe erinnern.

„Affentheater und andere Viechereien“, Ephraim-Palais, Poststraße 16, Mitte, 15. November bis 25. Februar 2007, Di,Do-So 10-18 Uhr, Mi 12-20 Uhr, Eintritt 5 Euro, erm. 3 Euro. (www.stadtmuseum.de)

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