Das war der 41. Berlin-Marathon : 42 Kilometer, und das auch noch zu Fuß

Beim 41. Berlin-Marathon schwitzten, rannten und litten Zehntausende – während die Zuschauer feierten und jubelten. Geschichten eines Tages, der lang werden konnte.

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28.09.2014 09:19Auf die Plätze, fertig, los!

Es ist mehr denn je auch ein Marathon im Netz. Terje Roel zum Beispiel, extra aus Trondheim in Norwegen mit seinem Handbike nach Berlin gereist, hat auf seinem Radhelm eine Minikamera installiert. Die filmt seinen Weg auf der ganzen Strecke, die Jubler und Bands am Straßenrand, Terjes rasante Überholmanöver und sendet gleich alles online – damit seine Lieben zu Hause mit dabei sind. Auch Janine Thiel aus Thüringen ist am Sonntag digital voll dabei. Allerdings hockt sie mit ihrem Smartphone auf einem Mäuerchen gegenüber der Komischen Oper in Mitte und verfolgt per App auf dem Display den Weg ihres Mannes. Stefan, so heißt der, hat wie alle Läufer einen Chip dabei. Dieser Chip überträgt permanent, wie weit Stefan schon gerannt ist. „Irre“, sagt Janine um 10.30 Uhr, „jetzt ist er schon bei Kilometer 23.“

Der Wettergott, ein Jogger?

Schwitzen und Rennen auf der Fahrbahn, Feiern, Anfeuern, Trommeln und Trompeten, kurz: Party am Straßenrand. Alles bestens am Sonntag. Und so laut und überschwänglich wie eigentlich alle Jahre beim Berlin-Marathon. Der Wettergott scheint ein Jogger zu sein, auch diesmal hat er mit Macht alle dunklen Wolken der vergangenen Tage vom Himmel geschoben, der lästige Wind ist eingeschlafen, die Sonne strahlt schon zum Start am Brandenburger Tor frühmorgens den Bikern und Läufern warm in den Nacken, scheint sie regelrecht anzuschieben.

Aus allen Wegen im Tiergarten strömen tausende Zuschauer zur Straße des 17. Juni. Oder beziehen schon mal strategisch Position irgendwo am Streckenrand in Mitte, wo die Läufer im Endspurt zum Ziel hinterm Pariser Platz ihr Letztes geben. Kann aber noch dauern, bis sie endlich kommen. Also ran an den Picknickkorb, Tablets und Smartphones raus und nebenbei online verfolgen, wie ganz vorne um die Spitzenzeit und hinten ums Durchhalten gekämpft wird – und wann der eigene Laufheld naht. Janine Thiel schwenkt mit ihrem sechsjährigen Luca schon mal probeweise das Mut-Mach- Schild: „Wir sind stolz auf Dich, Papa! We love you!“

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Es ist auch ein Marathon der beeindruckenden Zahlen. Gerhard Thiel (68) hat da einiges parat. Bereits zum 31. Mal ist er als Mitglied des Veranstalters SCC freiwillig als Teamleiter bei diesem größten und renommiertesten Lauf neben dem New York- und London-Marathon aktiv. Er steht mit dem Megaphon an der Mohrenstraße zwischen Gendarmenmarkt und Hausvogteiplatz und kümmert sich, wie er sagt, um „den letzten Versorgungspunkt“ an der Strecke – bei Kilometer 40, also rund zwei Kilometer vor dem Ziel. Hier werden die letzten Reserven mobilisiert. Man sieht es vielen Läufern im Mittelfeld an. Manche schalten vom Rennen aufs Walken zurück, kaum einer sieht noch aus wie im Katalog mit adretter Runnerhose und atmungsaktivem T-Shirt. Jetzt rinnt der Schweiß. Da kommt Gerhard Thiels Erfrischungsmeile an der Mohrenstraße gerade recht. Zuallererst eine fein zerstäubte Dusche vom Löschauto der angerückten Feuerwache Urban, dann zwei große Plastikwannen, in denen Wasser schwappt. Basecap reintauchen, gefüllt wieder aufsetzen, dass es nur so spritzt.Und dahinter auf zweihundert Metern hunderte Plastikbecher mit isotonischen Getränken. „Muntermacher“, sagt Thiel. Mehr als achtzig Helfer halten sie den Läufern hin. „Take a drink, baby, take a drink!“

"Allez, allez!"

In jungen Jahren ist auch Teamleiter Gerhard Thiel mitgelaufen. Irgendwann in den Achtzigern zum letzten Mal. Blicken wir zurück: Alles begann am 8. November 1964 mit dem ersten Berliner Crosslauf am Teufelsberg. Zehn Jahre später gab’s den ersten Berliner Volksmarathon, aber der führte nicht durch die City sondern ab Mommsenstadion durch den Grunewald entlang der Avus. Straßen komplett dicht? Damals unmöglich. Erst seit 1981 durften die Sportler mitten durch West-Berlin rennen. Nach harten Kämpfen im Polizeipräsidium. „Das sind Verrückte, die Straßen sind für Autos da“, soll der damalige Polizeipräsident gesagt haben.

Am Gendarmenmarkt stehen Fans aus Belgien. „Allez, allez!“ ruft Roger Christmann und schwenkt sein Töchterchen Elisa wie eine Fahne hin und her. Neben ihm hält Alain Hermans das schwarz-gelb-rote Banner hoch. Er ist Adjutant des Verteidigungsattachés der Belgischen Botschaft in der nahen Jägerstraße und weiß genau, wie viele seiner durchtrainierten Landsleute auf der Marathonstrecke unterwegs sind. „Insgesamt 250.“ Am Samstagabend waren sie alle zur traditionellen Pasta-Party in die Botschaft eingeladen. „War sehr lustig“, sagt Alain Hermans, „aber alkoholfrei“. Leider auch ohne das gute belgische Bier.

Auf der Weltmeisterstrecke

Was allen Läufern einen Schub gibt? Das ist die Durchsage zweier neuer Rekord-Kracher. So schnell war noch niemals jemand beim Berlin-Marathon wie diesmal die Kenianer Dennis Kimetto und Emmanuel Mutai. Kimetto schaffte die exakt 42,195 Kilometer in 2 Stunden, 2 Minuten und 57 Sekunden und lief noch entspannt grinsend durchs Ziel, Mutai brauchte 2 Stunden, 3 Minuten und 13 Sekunden. Der bisherige Spitzenwert lag bei 2 Stunden, 3 Minuten und 25 Sekunden. Als das kurz vor 11 Uhr an der Strecke bejubelt wird, sind die meisten Läufer noch in Wilmersdorf oder Steglitz unterwegs. „Ihr seid hier auf der Weltmeisterstrecke“, ruft ein Streckenwart durchs Megaphon, „Nächstes Jahr schafft Ihr das auch, dann können wir früher gehen.“

Bei mehreren Stunden Marathon können auch die Gedanken heftig in Bewegung geraten. Was geht einem Läufer so alles durch den Kopf? Norbert Leisgang aus Wedding, zum dritten Mal dabei, macht am Potsdamer Platz kurz mal Pause und sagt: „Das turnt an, ich kann mich super konzentrieren, hab’ manchmal sogar Geistesblitze.“ Es ist für ihn wie eine „positive Flucht“. Also los, weiter. Die „Alegria da Samba“-Band trommelt ihm hinterher. Er überholt zwei Männer, die humpeln und ihre Wadenkrämpfe massieren. Zwei Mädchen schwenken große Deutschland-Fahnen von der Fußball-WM, Kinder versuchen, mit dem Rad neben den Läufern herzufahren, ein etwa 20-Jähriger rennt im Hawaii-Baströckchen, ein Setter wedelt, eingezwängt zwischen Zuschauerbeinen. Sein Herrchen hat ihm einen Vereinswimpel an den Schwanz gebunden.

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