Berlin : Das war Lottchens Leben

1997 war Charlotte von Mahlsdorf mit dem Großteil ihrer Sammlung nach Schweden umgezogen. Nun hat das Gründerzeitmuseum alle seine Schätze wieder. Von Ostersonntag an können sie wieder besichtigt werden

Heidemarie Mazuhn

„Lottchen“ ist wieder da. Besser gesagt das, was Charlotte von Mahlsdorf nach der Wende weit über Berlin hinaus bekannt gemacht hatte: ihre Gründerzeitschätze, die ihr Leben waren. Mit dem Großteil davon war Charlotte von Mahlsdorf – so nannte sich der am 18. März 1928 in Mahlsdorf geborene Lothar Berfelde bis zu seinem Tode am 30. April 2002 – im Sommer 1997 nach Schweden umgesiedelt. Und mit etwa 350000 Euro, die ihr das Land Berlin, Sponsoren und der Förderverein Gutshaus Mahlsdorf für die restlichen Museumsstücke und das ihr nach der Wende zugesprochene Haus am Hultschiner Damm 333 zahlte. Im Jahr 1958 war Berfelde darin „auf eigene Gefahr“ eingezogen, anfangs ohne Licht, Wasser und Klo.

Wie zu „Lottchens“ Lebzeiten ist es auch heutzutage in der von ihr aus einem Abrisshaus geretteten Mulack-Ritze – einer originalen Zille-Destille – am wärmsten. Im Erdgeschoss stehen alle Türen offen – dahinter warten leere Zimmer darauf, wieder in ein Jagdzimmer, einen Damensalon oder ein Kaminzimmer verwandelt zu werden. Vor der Freitreppe zum Gutshaus haben die Vereinsmitglieder eine riesige Rampe gebaut, damit die zwei Lastzüge bequem ihre am Vortag im schwedischen Porla Brunn geladene Jahrhundertwendepracht wieder los werden.

Mercedes Benz spendierte die Transportkosten, die der Förderverein eigentlich für die Sanierung des Gutshauses bräuchte. Daran dachte gestern aber niemand; die Freude war zu groß, „dass nun alles wieder so wird, wie es einst war“. Damals, als noch Charlotte von Mahlsdorf in der Kittelschürze und mit dem Staubwedel ihre Schnörkel- und Plüschpracht betreute; „für gut“ trug sie eine Perlenkette um den schmalen Hals und gern ein dunkles Kleid mit weißem Kragen. Eines hing gestern an einem Garderobenständer im Flur, darüber symbolisch eine Perlenkette – und ein Schlips.

„Ich bin meine eigene Frau“, heißt denn ja auch ihre Autobiografie, die Rosa von Praunheim verfilmte. „I Am My Own Wife“ das Broadway-Stück, das jetzt mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde. Und das sollte eigentlich nebst dem selbst erfundenen Namen Charlotte von Mahlsdorf auch auf dem Stein stehen, den der Förderverein des Gründerzeitmuseums seiner Gründerin zu Gedenken 2003 vor dem Gutshaus aufstellen ließ. Gestern leuchteten gelbe Primeln zu der Tafel empor, auf der nun Lothar Berfelde, genannt Charlotte von Mahlsdorf steht. Die Erben des berühmten Berliner Transvestiten wollten es so. Auch damit wurde gestern nicht mehr gehadert, ist doch nicht nur der Vereinsvorsitzende Jürgen Herschel überglücklich, mit den Erben einen Leihvertrag für die aus Schweden rückgeführte Historismuspracht ausgehandelt zu haben. Deren in Berlin verbliebene Reste hatten allein im ersten Quartal dieses Jahres 1300 Besucher bewundert: Ein Clark Farmer aus Iowa City freut sich im Gästebuch, diesen „besonderen Teil der deutschen Geschichte“ gesehen zu haben. Ob er weiß, dass auch das Leben der Charlotte von Mahlsdorf ein besonderer Teil der deutschen Geschichte ist? Dass Lothar Berfelde lange Nachtwächter in der Schweinemästerei Hellersdorf war und laut seiner eigenen Legende in jungen Jahren seinen Vater mit dem Nudelholz erschlagen haben will? Dass er Schloss Friedrichsfelde, das Dahlwitzer Schloss, das Gutshaus Mahlsdorf und zuletzt seine schwedische Villa Hamilton vor dem Verfall bewahrte? Für Letztere habe Charlotte in Schweden viel zu viel bezahlt, sagt gestern Museumsleiterin Monika Schulz, die in Porla Brunn „Lottchens“ Habe für die Heimkehr nach Mahlsdorf gepackt hatte. Viel Glück hat die neue Heimat Charlotte sowieso nicht gebracht. Auch nicht die Freundschaft mit den zwei Frauen, mit denen sie nach der Wende in Mahlsdorf lebte. Eine der beiden hatte Charlotte sogar adoptiert – in Schweden machte sie das vor Gericht rückgängig. Zum Schluss lebte Charlotte von Mahlsdorf allein in ihrem selbst gewählten Exil. Gestorben ist sie in der Heimat – während eines Kurzbesuchs.

Dass es jetzt vorwärtsgeht, hoffen alle Freunde des Gründerzeitmuseums, in das gestern die Vereinsmitglieder zentnerschwere Museumsstücke an ihren alten Platz schleppten – auch das plüschige Sofa-Ungetüm mit Umbau und Spiegel für den Damensalon. Für Brautpaare – 750 wurden bereits im Gutshaus Mahlsdorf getraut – sicher künftig eine gefragte Fotokulisse.

Besichtigen kann man das Ergebnis „Lottchens“ lebenslanger Sammelwut erstmals am Ostersonntag von 10 bis 18 Uhr, ansonsten ist dies mittwochs und sonntags und nach Anmeldung unter 5678329 möglich.

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