Berlin : Das waren noch Zeiten

Die CDU erinnerte an einen ihrer großen Tage: Vor 25 Jahren wurde Richard von Weizsäcker Regierender

Brigitte Grunert

Friedbert Pflüger gab sich die Ehre. Zur Feier des 25. Jahrestages der Wahl des Weizsäcker-Senats bat er gestern zum Sonntagstreffen. Eine Zäsur, wie sie der 11. Juni 1981 markierte, wünscht er sich auch. Subtiler Wahlkampf mit Nostalgie: Der CDU-Spitzenkandidat will zeigen, dass ihm der Mantel seines politischen Ziehvaters Richard von Weizsäcker passt.

Weizsäcker und etliche seiner damaligen Weggefährten von CDU und FDP folgten gern dem Ruf in einen Biergarten am Rande des Regierungsviertels. Die einstigen Senatskollegen von CDU und FDP wie Rupert Scholz, Hanna-Renate Laurien, Klaus Franke, Elmar Pieroth, Horst Vetter plauschten über alte Zeiten; auch Eberhard Diepgen und Walter Rasch waren da. Andere mussten absagen wie der schwer kranke Heinrich Lummer. Wilhelm Kewenig und Ulrich Rastemborski, der 1983 nervlich krank einfach aus dem Amt verschwand, sind tot. Pflüger war damals selbst dabei, „aus der Lernperspektive“, wie er sagt. Er war Redenschreiber und persönlicher Referent des Regierenden Bürgermeisters, dann Pressesprecher des Bundespräsidenten. Was hat er gelernt? „Die Leidenschaft durch Augenmaß zu bändigen“, sagt er ins Mikrofon, ja, und dass man Mitarbeiter nicht nach dem Parteibuch beurteilt.

Weizsäcker betont: „Ich beteilige mich nicht am Wahlkampf, weil ich nicht in ein überparteiliches Amt hineingewachsen bin, um die Überparteilichkeit abzulegen wie einen Bademantel.“ Heute müsse der Regierende Bürgermeister vor allem dafür werben, dass und wofür wir die Hauptstadt brauchen. Er hingegen habe unter ganz anderen Umständen „ein wenig zur Entspannung beitragen“ wollen.

Er hat in jeder Hinsicht zur Entspannung beigetragen. West-Berlin steckte ja in der inneren Krise, als er sein Amt im Schöneberger Rathaus antrat. Filz und Bauskandale, die in der Garski-Affäre gipfelten, militante Hausbesetzer und Dauerquerelen in der sozialliberalen Koalition hatten zu vorgezogenen Neuwahlen geführt und die SPD die Regierungsfähigkeit gekostet. Für die CDU war es ein schwieriger Wahlsieg, denn es reichte nur zum Minderheitssenat, bis man 1983 die CDU/FPD-Koalition schmiedete. Elmar Pieroth wird nie vergessen, dass er bei der Wahl zum Senator im ersten Wahlgang durchfiel.

Mit der Würde eines Stadtvaters warb Weizsäcker um neues Vertrauen in die Politik. Im Parlament, wo nun erstmals auch die Grünen saßen, die sich Alternative Liste nannten, flogen freilich die Fetzen, wenn es um den richtigen Weg zum inneren Frieden ging, um die Räumung der zeitweilig 180 besetzten Häuser oder Nutzungsvereinbarungen mit den Besetzern, um die Integration der Ausländer bei Beschränkungen der Zuwanderung oder um die Arbeitslosigkeit, die sich damals schon beruhigend bemerkbar machte. Aber Weizsäcker und sein kurzzeitiger Vorgänger Hans-Jochen Vogel, der SPD-Fraktionschef, gaben den hitzigen Auseinandersetzungen Niveau.

Weizsäcker war der erste Regierende Bürgermeister, der sich im Namen der Entspannungspolitik mit Erich Honecker traf, als „deutscher Politiker“, wie er sagte, 1983 im Schloss Niederschönhausen, Ost-Berlin. Viele Ideen reiften in seinem Senat. Er wollte mit dem Pfund der Kultur und Wissenschaft wuchern. Das Herzzentrum wurde geplant (und 1986 eröffnet); Berlin (West) sollte zum „Mekka der Medizin“ werden. Mit der Bezirksverwaltungsreform dauerte es noch bis zur Jahrtausendwende. Auch das Haushaltsmotto „Sparen und Gestalten“ klingt heute noch aktuell.

Weizsäcker hatte Berlin zur Ruhe gebracht mit seiner Politik der ausgestreckten Hand und zugleich Entschiedenheit. Wie nebenbei hat er auch den Grundstein für fast zwei Jahrzehnte CDU-Herrschaft gelegt, als er 1984 Bundespräsident wurde. Sein Nachfolger Eberhard Diepgen regierte, mit kurzer Unterbrechung durch die rot-grüne Koalition 1989/90, bis er 2001 über den Bankenskandal stürzte. Am 16. Juni ist Klaus Wowereit fünf Jahre im Amt, auch eine Art Jubiläumstag. Ob die Zeit reif ist für die Zäsur, auf die Friedbert Pflüger brennt, entscheiden die Wähler im September.

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