Berlin : Das Weihnachtswunder blieb aus

Vier Kinder ein Dreivierteljahr allein in der Wohnung: Die Behörden suchen nun lieber eine Pflegefamilie

Claudia Keller

Die Tür ist noch immer mit roten und grünen Abdrücken von Kinderhänden bedeckt. An der Seite klebt die Aufschrift „Alles wird gut“. Wie es hinter der Tür aussieht, erfährt man nicht. Die Klingel ist abgestellt, auch auf Klopfen öffnet niemand. Aus dem Briefkasten quillt Post. Ein Nachbar sagt: „Seit damals war hier keiner mehr.“

Damals, das war im April. In der Finnländischen Straße in Prenzlauer Berg lebten zwei Mädchen und zwei Jungen im Alter von acht, neun, elf und zwölf Jahren. Sie wohnten dort vermutlich seit einem Dreivierteljahr alleine, der zwölfjährige Junge kümmerte sich um seine drei Geschwister – so gut, dass Nachbarn und Lehrern in der Schule nichts Ungewöhnliches auffiel. Die Kinder seien immer ordentlich angezogen gewesen und hatten gute Noten, sagten sie.

Wie das Jugendamt herausfand, war die Mutter zu ihrem Freund gezogen. Der Vater hatte die Familie schon Jahre zuvor verlassen. Bei einem Treffen mit Mitarbeitern des Jugendamtes Ende April hatte der Zwölfjährige zugegeben, dass die Mutter schon länger weg war. Noch am selben Tag holten Polizisten die vernachlässigten Kinder aus der Wohnung, die in einem völlig verdreckten Zustand war. Das berichteten die Beamten. Seit Ende April leben die vier Geschwister in einem Heim.

Die Behörden hätten die Wohnung in der Finnländischen Straße aufrechterhalten, sagt Judith Pfennig, die Direktorin des Jugendamtes Pankow. Auch wenn dort niemand mehr wohne und die arbeitslose Mutter die Miete nicht bezahlen könne. Man habe lange Zeit die Hoffnung nicht aufgeben wollen, dass die Kinder mit ihrer Mutter in die alte Wohnung zurückkehren können. Aber danach sieht es nicht mehr aus. „Es ist keine Weihnachtsgeschichte geworden“, sagt Judith Pfennig. Man habe der Mutter die Kinder nicht wieder zurückgeben können. Die 46-jährige Frau besuche ihre Töchter und Söhne zwar regelmäßig im Heim, aber alles andere überfordere sie. Sie schaffe es nicht, ihr Leben so zu strukturieren, dass man ihr die Kinder anvertrauen könne.

Wie lange die beiden Jungen und Mädchen im Heim bleiben werden, sei noch unklar, sagt die Jugendamtsleiterin. Es gehe ihnen gut, sie hätten sich im Heim eingelebt und würden gerne zur Schule gehen. „Alle sind ausgezeichnete Schüler.“ Nun suche man nach einer „geeigneten Lösung“ für die Zukunft, dazu gehöre auch die Suche nach einer Pflegefamilie.

Nachdem im April viele Zeitungen und Fernsehsender über den Fall berichtet hatten, haben Familien aus ganz Deutschland angeboten, die Kinder aufzunehmen. „Aber solche Angebote muss man sorgfältig prüfen“, sagt Judith Pfennig. Man könne die Kinder nicht allzu weit weg von der Mutter unterbringen, damit diese weiterhin Kontakt zu ihnen halten könne. Auch sei es nicht leicht, eine Familie zu finden, die vier Kinder auf einmal aufnehmen könne. Das Jugendamt möchte den Kindern ermöglichen, dass sie zusammenbleiben.

Die Kinder seien sehr tapfer und stark, sagt Pfennig, schließlich hätten sie es ja auch geschafft, über Monate ein System zu entwickeln, so dass nicht auffiel, dass sie auf sich gestellt waren. Nun müssten die Kinder lernen, Distanz zur Mutter zu finden. Das falle sehr schwer, sei aber nötig auf dem Weg, ein eigenes Leben aufzubauen. Claudia Keller

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