Berlin : Das Wort zum Wahltag

Politiker und Prominente im Französischen Dom

Claudia Keller

Die Hälfte der 1205 Wahlmänner bat am Sonntagvormittag um göttlichen Beistand für ihre Aufgabe. Dafür kamen sie in den Französischen Dom am Gendarmenmarkt zur „Andacht zur Bundesversammlung“. Auch die beiden Kandidaten fürs Bundespräsidentenamt, Gesine Schwan und Horst Köhler mit ihren Familien, besuchten den Gottesdienst, ebenso SPD-Chef Franz Müntefering, CDU-Vorsitzende Angela Merkel, CSU-Chef Edmund Stoiber und FDP-Chef Guido Westerwelle. Auch Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt und Ex-Außenminister Dietrich Genscher fehlten nicht. Der wegen seiner Vergangenheit als NS-Marinerichter umstrittene 90-jährige Hans Filbinger wurde, von zwei Frauen gestützt, in die Kirche geleitet.

Prälat Karl Jüsten, der die katholische Kirche bei der Bundesregierung vertritt, und sein protestantischer Kollege Stephan Reimers nutzten die Anwesenheit so vieler Politiker, um sie an das Zuwanderungsgesetz zu erinnern („Dieser Dom wurde für die Hugenotten gebaut. Vor 300 Jahren wusste man noch, wie wichtig Zuwanderer sind.“) und daran, wie wichtig es ist, eine stabile Verfassung zu haben, die die Freiheit der Bürger garantiert. Damit die Politiker auch in Zukunft auf die Verfassung aufpassen, bat Jüsten Gott um den „Geist der Weisheit und der Einsicht, um Stärke und Frömmigkeit“.

Ausgehend von Paulus’ Brief an die Gemeinde in Ephesus wünschte Reimers Horst Köhler und Gesine Schwan in der Predigt Besonnenheit, Demut und die Einsicht in die Begrenztheit unseres menschlichen Tuns. Die wurde Johannes Rau, dem amtierenden Bundespräsidenten, zum Beispiel auf einer Berghütte vor Augen geführt. Stephan Reimers erzählte die Anekdote, wie Rau dort von einem Wanderer angesprochen wurde: „Passiert es Ihnen oft, dass Sie mit dem Bundespräsidenten verwechselt werden?“ Als Rau bejahte, setzte der Mann nach: „Ist es Ihnen nicht peinlich?“ „Nein“, antwortete Rau, „ich bin es ja.“ Worauf der Wanderer lachte, ihm auf die Schulter klopfte und sagte: „Und Humor haben Sie auch!“ „Lieber Herr Professor Köhler, liebe Frau Professor Schwan, seien Sie behütet“, gab Reimers den beiden mit auf den Weg.

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