Berlin : Das Wunder von fern

Wie Jochen Sprentzel (West) und Thomas Schwarz (Ost) 1954 Radio hörten – und deshalb Sportreporter wurden

Martín E. Hiller

Ganz ehrlich: Wüssten Sie, mit welchen Worten Fernsehen und Hörfunk Gerd Müllers entscheidenden Treffer im Finale der Fußballweltmeisterschaft von 1974 kommentiert haben? Oder Andreas Brehmes Elfmetertor im Endspiel 1990? Wohl nicht. Dagegen kennt bis heute jedes Kind in Deutschland die Beschreibung des Siegtores von 1954: „Schäfer flankt nach innen – Kopfball – abgewehrt – aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt – Toooor! Toor! Tor für Deutschland!“

Drei Jahre, nachdem das erste Testbild im Nachkriegsdeutschland lief, war das Fernsehen längst noch kein Massengut, der Ton war viel wichtiger. Es gab 12,8 Millionen Rundfunkhörer, hundertmal mehr als Fernsehbesitzer. Auch in Berlin verfolgten die meisten Menschen das Endspiel von Bern am Radio. So wie Jochen Sprentzel (60), heute Hauptabteilungsleiter der Sportredaktion des Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB). „Ich war gerade elf Jahre alt und ein Riesenfußballfan“, erinnert sich Sprentzel. „Umso ärgerlicher war, dass mein Vater am Finaltag, ein Sonntag, auf einen Ausflug mit der Familie bestand. Zum Glück konnte ich den ersten Teil des Spieles trotzdem schon unterwegs hören.“ Sprentzels fuhren 1954 einen DKW mit Autoradio. Das war etwas ganz Besonderes.

Den Schluss des Spiels erlebte Jochen dann zu Hause, von wo er direkt nach Abpfiff runter auf die Straße rannte, um mit den Jungs aus den umliegenden Häuserblöcken die wichtigsten Spielszenen nachzustellen. „Das haben wir damals nach jedem Spiel gemacht“, erzählt Sprentzel. „Ich habe die Tore kommentiert, die die anderen geschossen haben. Das hat mir so gut gefallen, an diesem Tag ist mir klar geworden, dass ich Sportreporter werden möchte.“ Es war der Beginn einer Karriere, in deren Verlauf Sprenzel sieben Weltmeisterschaften für die ARD mitmachen sollte – und damit, wie er stolz hinzufügt, „mehr als mein großes Vorbild Zimmermann.“

Auch für Thomas Schwarz (59) war das Wunder von Bern eine Initialzündung. Der Sportredakteur beim RRB-Hörfunk erlebte das Endspiel aber von einer anderen Seite als Sprentzel: Der gebürtige Berliner wuchs in Osten Deutschlands auf und war am Endspieltag in Hiddensee, wo der damals Zehnjährige die Reportage des DDR-Kommentators Wolfgang Hempel hörte. „Bis zu dem Tag hatte ich mich für Fußball rein gar nicht interessiert“, sagt Schwarz heute. „Ich ging mit meinem Vater spazieren, als wir aus einem Haus den Radioton hörten. Ich fragte ihn: Wer redet denn da so?“ Vater und Sohn blieben stehen und hörten sich das Spiel zusammen an, das Hempel viel sachlicher vermittelt als sein westdeutscher Kollege. „Er war fast schon neutral in seiner Art, aber meinem Vater gefiel das. Er fand, dass man so bald nach dem Krieg nicht schon wieder zu sehr jubeln sollte“, sagt Schwarz. Tatsächlich kamen auch in den Straßen von Hiddensee die Leute zusammen, um den Sieg der westdeutschen Elf über Ungarn zu feiern, aber „eben etwas ruhiger“, so Schwarz.

Jedenfalls war Schwarz von Hempels Vortrag, den manch anderer später als zu wenig euphorisch kritisierte, so angetan, dass er wie sein heutiger Kollege Jochen Sprentzel in den Sportjournalismus ging. „So zu reden, das wollte ich auch mal können. Ab dem Tag habe ich mich so für das Spiel interessiert, dass ich mir jede Fußball-Woche geholt habe, um alle aktuellen Tabellen zu lesen.“ Später sollte Thomas Schwarz, wie Sprentzel übrigens auch, Fritz Walter kennen lernen – den populärsten Spieler jener Mannschaft, die die beiden Jungen zusammen mit Millionen anderer Deutscher am Radio hatten spielen und siegen hören.

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