Berlin : Das Wunder von Neukölln

Erntedank: Melanchthongemeinde führte Speisung der 5000 auf

Heidemarie Mazuhn

SONNTAGS UM ZEHN

Gestern Vormittag in der Philipp-Melanchthon-Kirche in Neukölln: Weintrauben häufen sich neben leuchtenden Sonnenblumen auf dem Altar. Um diesen herum ist in verschwenderischer Fülle die ganze Erntepracht ausgebreitet. Da lachen einen rotwangige Äpfel an, ist auf einem Handwagen Gemüse aller Sorten aufgetürmt und ein nostalgisches Fahrrad malerisch mit Herbstblumen geschmückt. Ein Tisch ist auch mit Konserven und Lebensmitteln beladen – der gesammelte Erntedank soll einem Kreuzberger Kloster helfen, in seiner Suppenküche die Töpfe für Bedürftige zu füllen.

Miteinander teilen, was man hat, und Gott für seine Werke danken – das bestimmte dann gestern auch den Gottesdienst zum Erntedankfest – wie Ostern und Weihnachten einer der festlichen Anlässe im Kirchenjahr, die die Gotteshäuser mal wieder richtig voll werden lassen. In der 1916 in der Kranoldstraße Ecke Hertastraße eingeweihten evangelischen Philipp-Melanchthon-Kirche war es aus doppeltem Anlass rappelvoll, bot man doch der Genezareth-Gemeinde zum gemeinsamen Erntedankfest „Kirchenasyl“ – deren Gotteshaus wird umgebaut.

Wie Jesus in der biblischen Geschichte seine Jünger hieß, die ihm gefolgten 5000 Menschen mit fünf Broten und zwei Fischen zu sättigen – das führten in Neukölln gestern kleine Steppkes aus der Kindertagesstätte der Melanchthon-Gemeinde vor. Er möge die Leute doch wegschicken, hatten die müden und ratlosen Jünger Jesus gebeten. Man habe doch nichts für sie, und „was wir haben, gehört uns“.

So und ähnlich zu jammern, sei demnach nicht erst ein Problem der Gegenwart, sagt dazu später Pfarrer Olaf Hansen in seiner Predigt. Die Jünger hätten schließlich Problembewusstsein gezeigt – fünf Brote und zwei Fische, das konnte nach ihrer Meinung nicht gut gehen. Jesus aber hieß die hungrigen Menschen, sich in Gruppen zusammenzusetzen, und wies die Jünger an, das Brot zu brechen und es mit dem Fisch mit ihnen zu teilen. Und siehe da – es blieben sogar noch zwölf Körbe voll Brot übrig.

Gestern auch im Spiel – aus zwölf Spankörben verteilten die Jüngsten der Gemeinde die Gabe Gottes in der Kirche. „Gott selber lädt uns ein“, hatten zuvor alle gemeinsam gesungen, „wir haben sein Versprechen, er nimmt sich für uns Zeit, wird selbst das Brot uns brechen; kommt, alles ist bereit.“

Jesus hilft also den Jüngern, die alte Frage neu zu stellen: Ist das Glas halb voll oder halb leer, sagt Olaf Hansen gestern in der Kirche, die 1943 auf Anordnung der Polizei geschlossen wurde und als Möbelspeicher ausgebombter Neuköllner genutzt wurde. „Es ist ja etwas da, wir stehen nicht vor dem Nichts“, wolle Jesus uns mit der Geschichte von den fünf Broten und zwei Fischen lehren, unseren Blick auf das lenken, was bei einem jeden von uns trotz Gejammer und Selbstmitleid dennoch da ist. Sich nicht von Sorgen auffressen zu lassen, gelte es. Schließlich habe uns Jesus auch gelehrt, Gott um das tägliche Brot zu bitten. Nicht um das Brot für morgen, auch nicht um „mein Brot“, sondern um „unser Brot“ bitten wir im Vaterunser.

Dabei habe Jesus nicht gezaubert. Die wundersame Vermehrung der Speise für alle geschah, weil die Menschen sich mögen. „Das ist das ganze Geheimnis“, sagt der Pfarrer und erinnert an ein Adventsfeier, zu der jeder aus der Gemeinde nur so viel Gebäck mitbringen sollte, wie er selbst zu essen vermochte – „und dann hatten wir Ostern zur Konfirmation noch Plätzchen“. „Im Teilen ist für uns gesorgt“, stimmt die Predigt zuversichtlich, „und am Ende bleibt sogar noch etwas übrig.“

Diese „Bewegung des Gebens und Nehmens“ wurde nach dem Gottesdienst in die Tat umgesetzt. Was die Gemeinde zum Erntedankfest in die Philipp-Melanchthon-Kirche gebracht hatte, wurde anschließend zum Kranoldplatz geschleppt. Dort traf man sich mit benachbarten Gemeinden zu einer ökumenischen Andacht. Und da auch diese ihre Erntedankfestgaben im Schlepptau hatten, haben die Kreuzberger Nonnen in ihrer Suppenküche heute und morgen keine Not.

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