Berlin : Das Wunder von St. Marien

Fünf Jahrzehnte war Beeskows mächtige Backsteinkirche eine Kriegsruine. Nach der Wende gelang der Kraftakt des Wiederaufbaus. Zugleich putzte die Stadt ihren Markt und die Wehrmauern heraus – und machte mit Propaganda-Kunst aus der DDR Schlagzeilen

Claus-Dieter Steyer

Diese Ausstellung muss es in sich haben. Wer die Besucher beobachtet, sieht höchst unterschiedliche Reaktionen. Da wird gelacht, die Stirn in Falten gelegt, gemeckert, gerätselt, abfällig abgewinkt oder minutenlang ein Detail studiert. Die Schau im Regionalmuseum auf der Burg Beeskow heißt „Zwischen Himmel und Erde“, doch erst ihr Untertitel löst das Rätsel. Hier werden „Landschaftsbilder aus der DDR“ angekündigt. So entscheidet der jeweilige Lebenslauf des Betrachters über Lust und Abneigung. Für die einen mögen Bilder über Braunkohle-Transporte, Feste in Plattenbauten, die berüchtigten Ernteschlachten oder uniforme Wochenendgrundstücke exotisch erscheinen, für die anderen sind sie Erinnerung und abschreckende „Ostalgie“ zugleich.

Nur die Kleinstadt Beeskow bietet fast das ganze Jahr über diese künstlerischen Ein- und Rückblicke in die vor 15 Jahren geschlossene kleine Republik. Ein ehemaliger Getreidespeicher gleich neben der mittelalterlichen Burg beherbergt ein Depot mit 23 000 Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen und anderen Kunstwerken, die als so genannte Auftragskunst für Parteien, Gewerkschaften, die Kinder- und Jugendorganisationen und Kulturhäuser der DDR entstanden. Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern haben ihre nach 1989 überflüssig gewordenen Werke nach Beeskow gebracht. Inzwischen kehren einzelne Stücke an die Öffentlichkeit zurück, entweder in einer der Ausstellungen auf der Burg oder in Filmen wie „Good bye, Lenin“.

Vor einigen Jahren stand Beeskow sogar kurz davor, ein ständiges Dokumentationszentrum für DDR-Kunst zu erhalten. Doch die Pläne scheiterten recht spektakulär. Und die meisten Einwohner sind darüber froh.

Auslöser der Posse war der letzte DDR-Kulturminister Herbert Schirmer. Ab 1991 krempelte er als Burgherr das Heimatmuseum um. Nicht mehr ausgestopfte Tiere und alte Gerätschaften sollten Besucher anziehen, sondern die sozialistische Auftragskunst als „diskussionswürdiges Zeugniss der Geschichte“. Doch Schirmer kam zu früh. In der Stadt war vom „DDR-Schrott“ die Rede, den niemand mehr sehen wollte. Allerdings lockte dieser viele Neugierige nach Beeskow. Internationale Zeitungen, Magazine und TV-Teams befragten die Menschen auf dem Markt. Der Trubel überforderte den Ort und rief Neider im Kreistag auf den Plan. Besonders Abgeordnete aus den größeren Orten Fürstenwalde und Eisenhüttenstadt missgönnten Beeskow die Aufmerksamkeit, nachdem es ihnen 1993 schon den Sitz der Kreisverwaltung weggeschnappt hatte. Schirmer wiederum provozierte die vermeintlichen Spießer, überwarf sich mit dem Kulturamtschef – und musste 1998 seinen Posten räumen.

Seither illustriert das Heimatmuseum in erster Linie wieder die Stadtgeschichte, zeigt aber in Sonderausstellungen weiterhin DDR-Auftragskunst. Der Stadt hat das ungestörte Besinnen auf die eigenen Kräfte nicht geschadet. Im Zentrum zeigen sich die meisten historischen Gebäude schon mit sanierter Fassade.

Die Häuserzeile am Marktplatz vor der mächtigen St. Marienkirche gleicht einem Bilderbuch. Und entlang der gut 1,1 Kilometer langen Stadtmauer kann man zurück ins Mittelalter spazieren.

Hinter dieser Wehranlage lebten die Beeskower einst wie in einer Burg – und waren dadurch buchstäblich „Bürger“ geworden. Mit Armbrüsten schossen sie von Wehrgängen auf angreifende Truppen. Doch am Morgen des 8. August 1425 kam es gar nicht dazu, weil sie einen Überfall der Adeligen von Bieberstein buchstäblich verschliefen. In der Nacht zuvor hatten die vorgewarnten Beeskower zwar eifrig hinter den Zinnen gewacht, aber umsonst, weshalb sie bei Sonnenaufgang in ihre Wohnungen zurückkehrten und sich aufs Ohr legten – bis um 9 Uhr früh gewappnete Angreifer die Ketten der Zugbrücken zerschlugen, in die Stadt stürmten und deren Bürger zwangen, sich der neuen Herrschaft unterzuordnen.

Drei Jahre später schützte das gewaltige Mauerwerk allerdings die Beeskower vor raubenden Söldnerhorden, und während des Siebenjährigen Krieges im 18. Jahrhundert wirkte die Stadtbefestigung immerhin noch abschreckend – der weiterentwickelten Artillerie zum Trotz. So beschränkten sich russische Husare 1759 darauf, Beeskow mit 15-pfündigen Haubitzen-Kugeln zu beschießen. Häuser erlitten Schäden, es gab eine Tote – bis die Russen nach zwei Stunden abzogen. Einige Jahrzehnte später rollte dann ein ärgerer „Feind“ der Mauer an: der immer dichtere Straßenverkehr.

Anfang des 19. Jahrhunderts schlug man die ersten Breschen für Pferdetransporte ins Mauerwerk, doch zugleich gab es schon Versuche, das identitätsstiftende Stadtbild mit Befestigungsring und der Kirche St. Marien zu erhalten. St. Marien benötigte allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg schützende Hände. Nach einem Artilleriebeschuss kurz vor Kriegsende brannte das von Fontane als eines der schönsten Backsteinkirchen der Mark gerühmte Gebäude aus und stürzte zusammen.

Heute ist die Kirche wieder der ganze Stolz der Einwohner. „Sie haben St. Marien erneut zu dem gemacht, was es viele Jahrhunderte war – zu einem würdigen Wahrzeichen“, erzählt Knut Krüger, der sich wie kein anderer um die Rettung der Kirche kümmerte. „Wenn ich zur Kuppel sehe, kommen mir vor Rührung noch die Tränen“, sagt der 65-Jährige. Mehr als fünf Jahrzehnte war hier nur ein Stummel zu sehen. Knut Krüger lief schon als Kind durch die Trümmer, kletterte als junger Architekt über die restlichen Mauern und organisierte nach der Wende den anfangs skeptisch betrachteten Wiederaufbau – das Wunder von St. Marien. Manche Überraschung machte das Projekt erfolgreich. So unterzeichnete die Deutsche Stiftung Denkmalschutz gleich 1991 einen Scheck mit einer sechsstelligen Zahl.

Seit 2002 sind nun wieder Dach und Turmspitze komplett, aber es fehlt Geld für den Innenausbau. „Das schaffen wir noch“, gibt sich Knut Krüger zuversichtlich. Beeskow ist auch wegen seiner architektonischen Schätze Schlagzeilen wert. Dafür braucht es keine Bilder aus DDR-Zeiten.

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