Berlin : Das wunderliche Bistro am Rande der Stadt

Bernd Matthies

Bahnhofstr. 7, 15732 Eichwalde, Tel. 030/675 84 23, geöffnet: nur Abendessen, montags und dienstags geschlossenBernd Matthies

Gelegentlich erreicht uns ein banger Anruf. Ob es denn dieses seltsame Restaurant mit dem umständlichen Namen noch gebe da unten in, äh, na kurz vor Königs Wusterhausen, wie heißt es doch gleich? Der Ort heißt Eichwalde, sagen wir dann, liegt eher kurz vor Berlin, und das Restaurant mit dem umständlichen Namen "C+W Gourmet" ist unseres Wissens noch da. Aber was weiß man schon? Deshalb ist es von Zeit zu Zeit nötig, die lange Reise anzutreten und selbst nachzusehen, wie es dem seltsamen Restaurant geht.

Und es geht ihm ganz gut. Zwar sagt Wolfgang Haase, das "W" aus C+W, zum Abschied, er bekomme in einem Jahr Rente und könne sich schon vorstellen, die Arbeit einfach . . . Nur können wir uns nicht vorstellen, daß es das wunderliche Bistro am Rande der Stadt nicht mehr gibt. Und zwar, weil Carmen Krüger ("C") immer noch beispielhaft konsequent auf den entscheidenden Punkt zu kocht, ohne Schnörkel und praktisch ohne Dekoration. Manche verstehen das nicht und finden es langweilig - das kann ich nicht ändern. Ein Zanderfilet mit geschmolzenen Tomaten ist hier nichts als das - sekundengenau perfekt hellbraun gebraten mit aromatischen Tomaten und ein wenig Basilikum. Aber wenn das nun so einfach wäre, wie es aussieht, würden wir es ja in jedem Gasthaus auf dem Land bekommen, wo sie uns stattdessen Kartoffelkroketten und trockene Salatdekorationen mit Orangenschnitz auf den Teller hauen und Fischfilets braten, bis sie die Konsistenz einer Aktentasche erreicht haben.

Das Einfache also, das so schwer zu machen ist, gibt es hier zu besichtigen auf jedem Teller. Ich habe keine Ahnung, ob es legitim ist, Carmen Krügers Programm als "feine brandenburgische Küche" zu titulieren, wie es über dem Eingang steht, aber das sind letzten Endes kulinarische Haarspaltereien. Die Kartoffelterrine mit Lachskaviar ist natürlich keine deftige Suppe, sondern eine witzige, anregende Vorspeise, ebenso wie die hochelegante Apfel-Gänseleber-Torte, die wiederum eher eine Terrine ist . . . Die wunderbare Ingwerconsommé mit Flußkrebsen zeigt zwei Lieblingselemente der Küchenchefin, der Rehrücken mit Pfifferlingen zwei Lieblingselemente des Kritikers - dazu ein wenig leichtes Kartoffelpüree, und nichts lenkt ab von der Qualität der Zutaten. Klar, daß die Gemüse zum zarten gebackenen Kalbstafelspitz in Konsistenz und Geschmack exemplarisch sind.

Die Desserts fallen vergleichsweise normal aus und machen dann doch deutlich, daß einer Ein-Frau-Küche irgendwo Kapazitätsgrenzen gesetzt sind; freilich sind die verschiedenen Eisparfaits, beispielsweise aus Marzipan, Nougat oder Limetten, und Klassiker wie Créme brulée oder Rote Grütze ihren bescheidenen Preis allemal wert (Menüs 45/65/80 Mark, Hauptgänge um 30 Mark). Auch die Weine sind vernünftig kalkuliert. Es hat sich wenig bewegt auf der Karte in den letzten Jahren, aber einen guten Riesling aus dem Elsaß oder einen noch besseren Chardonnay aus der Wachau findet man allemal.

Wolfgang Haase serviert das alles mit jenem knochentrocken sarkastischen Humor, an dem seinerzeit im Fernsehen der verzweifelt dauergrinsende Johann Lafer zerschellen mußte - wohlverdient, wie anzufügen wäre. Weiterhin gäbe es noch zu sagen, daß das Restaurant nach hinten heraus eine kleine gemütliche Terrasse hat und daß es nur wenige Fußminuten vom Eichwalder Bahnhof entfernt liegt. Aber das Essen ist und bleibt gewiß das beste Argument für einen Besuch.

Endlich mal wieder Hoffnungsträchtiges aus Mecklenburg. Die Jägermeister-Gruppe hat soeben das Hotel Burg Schlitz eröffnet, nördlich von Waren/Müritz. 20 Zimmer und Suiten mit individueller Einrichtung, und in der Küche ein Chef von Graden: Robert Hamberger hat es im Alpenhof Murnau auf einen Stern gebracht, und er soll dort droben offenbar Ähnliches erreichen (Tel. : 03996 / 12700). Die Parallele zu Reemtsmas Schloß Hubertushöhe ist augenfällig und vielversprechend (Bericht im Herbst). Nun die schlechte Nachricht: Christian Baumann hat die Küche von Borchards Rookhus in Wesenberg verlassen. Ein Nachfolger ist immerhin schon da: der Hamburger Andreas Rintel.

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