Berlin : Das zweite Leben der Rennpappe

Go, Trabi, go: Ein Dresdner organisiert Touren durch Berlins Osten – im Konvoi. Sein erster Kunde im umgebauten Stretchcabrio war ein Scheich

Daniela Martens

Alles fing mit einem Kamelrennen und einem Scheich an, das war 1997. Rico Heinzig hatte sich gerade ein knallrotes, fast sechs Meter langes Stretch-Cabrio gekauft, das ursprünglich mal ein Trabant war. Er wollte damit Touristen durch seine Heimatstadt Dresden kutschieren. Doch die Elbflorenz-Kundschaft blieb in jenem Sommer aus. Da las Heinzig in der Zeitung vom großen Kamelrennen in Berlin. Shaik Salah Bin Zayed, Minister und Sohn des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, hatte sich zu dem außergewöhnlichen Ereignis angekündigt. Vielleicht möchte der Scheich mal Trabi fahren, dachte sich Heinzig.

Also fuhr er nach Berlin, zum Hotel, in dem der hohe Gast abgestiegen war und bot sich als Chauffeur an. Ob er sich überhaupt auskenne in der Stadt, fragte der Portier skeptisch, als er das leichte Sächseln des Herrn vernahm. Nein, das tat Heinzig nicht, aber er nickte trotzdem. „In der ersten Zeit bin ich immer mit dem Stadtplan auf dem Schoß durch Berlin gefahren. Das konnten die Fahrgäste zum Glück nicht sehen“, sagt er.

So begann die Karriere von Rico Heinzig, damals 22, als Organisator von Trabi-Stadtrundfahrten in Berlin. Inzwischen gehört dem 31-Jährigen die wohl größte Trabi-Flotte der Welt: In 40 Ost-Autos schickt er seine Fahrgäste auf Nostalgie-Safari durch Ost-Berlin, 16 weitere fahren durch Dresden. Im Konvoi steuern die Passagiere selbst. Verbunden sind sie über ein Funksprechsystem, mit dem der Stadtführer Geschichten und Fahranweisungen durchgibt. Vorneweg rollt meist – als Flaggschiff – das knallrote Stretch-Cabrio. Der Scheich ist nach dem Kamelrennen übrigens tatsächlich darin gefahren: Heinzig durfte ihn von der Rennbahn Hoppegarten abholen. Die Leibgarde fuhr im Mercedes hinterher.

Anfangs machten sich Hotelportiers noch lustig über Heinzig und seine Trabis. 2003 kam der große Durchbruch für die Safari: „Der Film „Good bye, Lenin!’ hat uns den Ritterschlag gegeben“, sagt der Dresdner. Die Ostalgie-Welle begann – und Heinzig profitierte davon. Wenn seine Trabis gerade nicht im Ostteil der Stadt unterwegs sind, parken sie in der Firmengarage in Mitte – viele in den Originalfarben Gletscherblau, Panamagrün oder Papyrusweiß. Einige sind zum Cabrio umgebaut und knallig neu lackiert.

In der Halle werden die Baumwoll-Harz-Kunststoff-Autos auch repariert. Nicht von Heinzig – „Ich bin kein Trabischrauber“ –, sondern von seinem Chef-Mechaniker Thomas Scheffel, einem Trabi-Fan. Der bekommt die Rennpappen selbst dann wieder hin, wenn ein Fahrgast die ganze Tour mit angezogener Handbremse gefahren ist – und das kommt oft vor. „Die denken immer, Trabis fahren eben so langsam“, sagt Scheffel. Dabei schaffen die doch 110 Kilometer pro Stunde. Na ja, mit etwas Mühe.

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