Berlin : „Dass das System so Geld spart, ist eine Illusion“

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Herr Beske, es wird darüber diskutiert, dass das Gesundheitswesen viel Geld sparen könnte, wenn die Menschen nur gesünder leben würden. Sie sagen dagegen, das stimmt nicht. Wieso?

Natürlich spart der Einzelne, und auch die gesetzliche Krankenkasse gibt über einen gewissen Zeitraum für ein gesundheitsbewusstes Mitglied vielleicht weniger aus, denn wenn sich jemand viel bewegt und vernünftig isst, geht er weniger zum Arzt, nimmt also weniger Leistungen in Anspruch. Aber ein Ziel der Prävention ist doch auch die Verlängerung der Lebenserwartung…

… das ist doch gut…

…nur kommt auf das Gesundheitssystem da auch ein Problem zu. Denn wenn sich die Lebenserwartung um Jahre erhöht, brauchen mehr Menschen die Leistungen des Gesundheitswesens über längere Zeit, ohne dass sie jedoch noch zum Bruttosozialprodukt beitragen. Trotz eines gesunden Lebensstils nehmen ältere Menschen nämlich notgedrungen mehr und teurere Leistungen in Anspruch. Wir sterben ja nicht gesund. Dass das System durch Prävention Geld spart, ist also eine Illusion.

Also nicht vorbeugen?

Mehr Lebensjahre und mehr persönliche Lebensqualität sind ja auch abgesehen von wirtschaftlichen Gesichtspunkten lohnende Ziele! Aber man muss informieren und motivieren, und das kostet Zeit und Geld. Im Präventionsgesetzentwurf des Gesundheitsministeriums ist vorgesehen, die Sozialversicherungssysteme dafür zur Kasse zu bitten. Aber wir denken, dass der Staat die Prävention finanzieren muss, wenn er sie will.

Und wie?

Wir wissen, dass es zwei spezielle erhebliche Ursachen für Krankheitskosten gibt: den Alkoholmissbrauch und das Rauchen. Ich bin der Ansicht, dass man die Alkohol- und die Tabaksteuer erhöhen sollte, um das Geld direkt in die Prävention fließen zu lassen.

Und grundsätzlich: Wie wäre Prävention effektiv, wo müsste sie ansetzen?

Kindergarten und Schule sind der wichtigste Ansatzpunkt: Kinder müssen frühzeitig an eine gesunde Lebensführung gewöhnt werden, und viele Elternhäuser sind heute nicht mehr in der Lage, diese Erziehungsarbeit zu leisten. Man könnte Experten in die Schulen einladen. Zum Beispiel niedergelassene Ärzte.

Fritz Beske , 83, ist

Direktor des Instituts

für Gesundheits-

System-Forschung

in Kiel, das sich Studien zu den Strukturen des deutschen Gesundheitswesens widmet.

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