Berlin : David Ralston aus Sheffield baut Kunstobjekte in Prenzlauer Berg

Michael Brunner

In seiner Werkstatt überwintern Schmetterlinge und Ameisen. Die Falter flattern zwischen Drehbank und Schleifmaschine auf und ab, die Ameisen krabbeln in einem Glaskolben umher. David Ralston aus Sheffield ist Künstler, Ingenieur und Modellbauer. Auf seiner Visitenkarte steht an Stelle des Berufs nur ein Wort: Chronometrie. Aus Messing, Glas und vielen anderen Materialien baut der 35-Jährige filigrane Gebilde, die den Ablauf von Minuten und Stunden zeigen. Da rieselt Sand durch Röhren, da rollen Billardkugeln durch Labyrinthe aus Messingstäben, da tröpfeln gefärbte Flüssigkeiten in durchsichtigen Röhren. David Ralston werkelt immer an irgendetwas, meist an mehreren "Zeitobjekten" gleichzeitig. Warum tut er das in einer ehemaligen Tischlerei in der Kastanienallee? Die Wahrheit ist, dass der Mann aus Mittelengland 1992 auf einer Urlaubsreise quer durch Europa ausgerechnet in Berlin hängenblieb. "Es kam mir so vor, als ob der Himmel immer blau ist", sagt David Ralston, dessen Zungenschlag nach sieben Jahren noch immer ur-englisch klingt. Für ihn dennoch ein Fortschritt, denn bei seiner Ankunft kannte er nur eine deutsche Vokabel und die hieß "Hallo". Freunde vermittelten damals ein Atelier mit niedriger Miete, und so probierte Ralston einfach aus, wie es sich in Berlin lebt. Bald verlegte er seine Werkstatt nach Prenzlauer Berg.

"Das Leben ist ein Experiment", sagt David Ralston, der gern philosophiert, aber nur recht ungern Philosophen liest. "Die fremden Gedanken belasten doch nur", glaubt der Künstler. Als er 21 Jahre alt war, schrieb er zwei Romane. Die Manuskripte "mit den Fiktionen" liegen im Schrank. Der Autor denkt nicht im Traum daran, sie zu veröffentlichen. Er holt sie nicht einmal zum Lesen heraus: Selbst eigene Gedanken können lästig sein, wenn sie nichts mit der Gegenwart zu tun haben. David Ralston ist kein Sprücheklopfer, er probiert gern alles Mögliche aus. Schwierigkeiten sind ihm Ansporn. Bei einer Reise durch Süddeutschland fand er einen BMW Isetta. Er kaufte den winzigen Zweisitzer und transportierte "den Schrotthaufen" in einem Wohnmobil zwecks Generalreparatur nach Berlin. Und weil das offenbar noch nicht kompliziert genug war, fuhr er mit dem Isetta alsbald nach England. Seine Freundin saß neben ihm.

Reich hat ihn das Künstlerleben bislang nicht gemacht, dafür aber zufrieden. Denn er hat zwar wenig Geld, aber Freiheit. "Ich tue meistens, was ich will", sagt der Nachtmensch Ralston. Und was will er? "Nicht zu bald aufstehen, in Ruhe frühstücken, ohne Hektik Ideen entwickeln." Das tut er gern auf einem Schrottplatz für Buntmetall an der Eberswalder Straße. Er hat dort schon zahlreiche Teile für seine "Zeitmaschinen" gefunden.

Ein Engländer in Berlin, fühlt er sich nicht einsam? "Nein. Am Anfang hatte ich Heimweh, aber das ist längst vorbei", sagt David Ralston, der mit den Berlinern im Ostteil der Stadt deutlich besser zu recht kommt als mit Kreuzbergern, Zehlendorfern und Neuköllnern. "Die Ostdeutschen sind freundlicher und reden mehr miteinander", findet Ralston. Doch ihm ist auch eine typische Eigenschaft aufgefallen, die den Berlinern gemeinsam ist: "Sie lächeln sehr sehr selten und wirken oft verbissen und angestrengt. Das ist das Gegenteil zu Amerika, wo die Leute wie unter einem Zwang viel zu viel lächeln."

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