Berlin : Davon kann das Metropolendasein doch ernsthaft nicht abhängen (Contra)

Sigrid Kneist

Jetzt kann man also am Sonntag auch in der City seine Badehose kaufen und die Tube Sonnencreme dazu. Oder im Kaufhof sogar sämtliche zum Souvenir umetikettierten Produkte. Welch ungeheurer Fortschritt. Da werden sie - zwar noch verhalten - jubeln, die Anhänger des uneingeschränkten Konsums. Ein notwendiger Schritt sei es hin auf dem Weg Berlins zur Metropole, wiederholen sie gebetsmühlenartig, unsere Wirtschaftsliberalisten. Nicht mehr lange, und dann fallen die letzten Schranken, hoffen sie. Vor nichts haben sie so viel Angst wie davor, provinziell zu sein. Und so etwas wie ein Ladenschluss erscheint ihnen als der schrecklichste Auswuchs der Provinzialität, dabei wäre man doch so gerne Weltstadt.

Wie kleinkariert. Als ob das Metropolendasein Berlins oder gar die Zukunft der Dienstleistungsgesellschaft vom Sonntagsverkauf abhängen. Der ist genauso überflüssig wie das Shoppen mitten in der Nacht. In einer Zeit, in der viele eine Mark mehrmals umdrehen, werden die Umsätze bestimmt nicht steigen. Ohnehin wird der Konsumrausch auf dem Rücken der nicht üppig bezahlten Verkäuferinnen - in der Mehrzahl sind es nun mal Frauen - ausgetragen. Aber auch einer Gesellschaft, in der durch die Globalisierung der Einzelne einem immer stärkeren Druck ausgesetzt ist, tut ein Tag der Muße gut. Wann sonst haben Familien die Möglichkeit, gemeinsam etwas zu unternehmen, können Vereine ihre Spiele austragen, kann man Freunde oder Bekannte treffen. Der grundgesetzlich festgelegte Schutz des Sonntags ist wichtig. Der Mensch braucht Konstanten im Leben, auch Konstanten der Ruhe. Ausnahmen davon gibt es ohnehin schon zu viele.

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