• Davon war nie die Rede - Ein Berliner Traditionsbetrieb stößt auf seine Vergangenheit

Berlin : Davon war nie die Rede - Ein Berliner Traditionsbetrieb stößt auf seine Vergangenheit

Amory Burchard

Der Mann sitzt leicht gebeugt auf dem Bürostuhl. Hermann Noack - nach der Tradition der Bronze-Gießer Hermann Noack III genannt - wiegt seinen Kopf mit dem schulterlangen weißen Haar. Er erinnert sich. Im August 1943 fiel eine Bombe auf seine Bildgießerei. Achtzig Prozent des Betriebes in der Varziner Straße in Berlin-Friedenau wurden zerstört. Sein Vater, Hermann Noack II, der die 1897 gegründete Firma von Hermann Noack I übernommen hatte, baute sie wieder auf. Schon 1944 konnten wieder Skulpturen gegossen werden.

Fast 57 Jahre später platzt in der Varziner Straße erneut eine Bombe. Am Telefon erfährt Hermann Noack, dass die Bildgießerei in der NS-Zeit Zwangsarbeiter beschäftigt haben soll. Der Name des Betriebes taucht auf der "Berliner Liste" des American Jewish Committee (AJC) auf, die am 27. Januar veröffentlicht wurde. "Lagerstandort: Berlin-Friedenau, Varziner Str. 17; Art des Lagers, Herkunft der Zwangsarbeiter: ziviles Zwangsarbeiterlager". Die Nennung auf der Liste soll 79 Berliner Betriebe dazu bewegen, der Stiftungsinitiative zur Entschädigung der Zwangsarbeiter beizutreten. Als das AJC sie öffentlich machte, hatten erst drei Berliner Betriebe zugesagt.

Diese Nachricht aus der Vergangenheit wird die Bildgießerei Noack nicht, wie einst die Fliegerbombe, zerstören. Aber das moralische Fundament des Familienbetriebes ist erschüttert. Ausgerechnet Noack, diese weltweit tätige Firma mit dem stets unbescholtenen Namen. Hermann Noack III, der die Firma seit 1958 führt, sitzt in seinem kleinen Büro in der Werkshalle. Aus dem Jungen, der den Krieg in Bayern verbringen musste und erst 1945/46 im Alter von 14 Jahren nach Berlin zurückkam, ist ein ehrwürdiger Seniorchef geworden.

In den sechs Tagen, seitdem die Nachricht über die Zwangsarbeiter über ihn hereinbrach, hat Hermann Noack seine Erinnerung befragt und das Firmenarchiv. Leider kann man nichts nachvollziehen, sagt er. Alle, die er hätte fragen können, sind gestorben. Die Personalakten, die im Keller aufbewahrt werden, reichen nur bis 1960 zurück. Höchstens 35 Jahre lang muss man so etwas aufheben. Als er nach dem Krieg ins Elternhaus kam, lief der väterliche Betrieb schon wieder auf Hochtouren. Die Rote Armee erteilte große Aufträge bereits im Sommer 1945. Zuerst waren es metallene Buchstaben für die Ehrengräber der im Kampf um Berlin gefallenen Sowjetsoldaten, dann monumentale Bildnisse der Befreier - unter anderem goss Noack das Ehrenmal im Treptower Park.

Zwangsarbeiter? Davon haben sein Vater, seine Mutter und seine älteren Schwestern ihm nie etwas gesagt. Überhaupt wurde über die Nazizeit und den Krieg "nicht so viel gesprochen, weil man froh war, dass man es überlebt hatte". Sicher, der Betrieb hatte Staatsaufträge: "Hitlerköppe" für die Schulen, Jünglings-Statuen für das Olympiastadion. Klingt zum Thema Zwangsarbeiter etwas in der Firmengeschichte an, die zwei Historiker 1993 für den Ravensburg-Verlag schrieben? "Der Zweite Weltkrieg", heißt es da, "brach an mit Einberufungen, Dienstverpflichtungen, Einschränkungen aller Art." Nein, sagt Hermann Noack, die Beschäftigung von Zwangsarbeitern oder Fremdarbeitern habe bei der Recherche der Historiker keine Rolle gespielt. In der Gießerei und beim Ziselieren der Skulpturen konnten nur Fachkräfte eingesetzt werden. Hilfsarbeiter habe man allenfalls "zum Sandschippen" brauchen können.

Trotz seiner Verwunderung über die AJC-Liste will Noack nicht ausschließen, dass sein Vater Zwangsarbeiter beschäftigt hat. Die erste spontane Abwehr schlägt bei dem 68-jährigen Seniorchef und auch bei seinem 34-jährigen Sohn Hermann Noack IV nicht in Wut und Empörung um, wie bei anderen Betrieben. Aber es gibt Fragen. Viele Fragen. Woher hat eigentlich das AJC die Informationen, die der Liste zu Grunde liegen? Hermann Noack IV erfuhr es am Montag von der Berliner Geschichtswerkstatt, die die Liste im Auftrag des AJC erstellt hat. Ein Historiker hat 1000 Berliner Zwangsarbeiterlager nach Bauakten aus Stadt-, Landes-, und Staatsarchiven dokumentiert. Das "Noack-Lager" in der Varziner Straße war dabei.

"Er musste, alle mussten"

Und noch eine Frage: Wenn in dem Betrieb Zwangsarbeiter beschäftigt wurden, muss es ihnen dann schlecht ergangen sein? Hermann Noack III glaubt, die Antwort zu kennen. Seine Mutter hätte bestimmt gut für die Fremden gesorgt, so wie sie für alle Mitarbeiter des Familienbetriebes gesorgt hat. Noch mitten im Krieg habe sie für die Weihnachtsfeier 20 Stollen gebacken. Zu den Fragen, die sich die Noacks offenbar nie selber gestellt hätten, gehört auch diese: War Hermann Noack II in der NSDAP? Identifizierte er sich mit dem Nationalsozialismus? Zuerst sagt Hermann Noack III: "Er musste, alle mussten." Er weiß es nicht, es wurde darüber nicht gesprochen, sagt er dann. Hermann Noack IV, der junge Firmenchef, hat seinen Großvater nicht mehr kennen gelernt. Aber er glaubt, er hätte ähnlich gehandelt: Staatsaufträge von den Nazis angenommen, um den Betrieb zu retten.

Der junge Mann hadert mit den Methoden des AJC und der Geschichtswerkstatt. Wenn doch im Prinzip alle produzierenden Betriebe in Berlin - sogar Bäckereien - Zwangsarbeiter beschäftigt hatten, warum werden heute nur 79 genannt? Sein Vater indes hadert mit dem Zeitpunkt der Enthüllungen. Warum sind die nicht schon vor 20 oder wenigstens vor zwei Jahren zu ihm gekommen? Dann hätte er noch seine Schwester fragen können. Trotzdem überlegen die Noacks, der Stiftungsinitiative beizutreten. Mindestbeitrag ist ein Tausendstel vom Jahresumsatz. "Warum nicht?", fragt Noack IV, "wenn es den Leuten zugute kommt?"

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