DDR-Aufarbeitung : Im Bann der Stasi-Akten

Am 15. Januar 1990 besetzten Demonstranten die Stasi-Zentrale in Lichtenberg. Herbert Ziehm beschäftigt sich seitdem mit den Unterlagen des MfS. Und traut jetzt Menschen alles zu.

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Der Mann hinter den Papierbergen. Herbert Ziehms neues Berufsleben begann mit der Besetzung der Stasi-Zentrale im Januar 1990...

Er kam erst am Tag zwei in die Stasi-Zentrale in der Lichtenberger Ruschestraße – also am 16. Januar 1990. Seine Frau hatte Herbert Ziehm dorthin geschickt. Sie hatte die Besetzung der Stasi-Zentrale in den Nachrichten verfolgt, gehört, dass dort noch Leute gesucht wurden, und zu ihrem Mann gesagt: „Mach doch mal was anderes, geh da hin und hilf denen mal!“

Mit „denen“ waren die mehreren tausend Demonstranten gemeint, die am 15. Januar gegen Abend einem Aufruf des Neuen Forums gefolgt waren und die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) stürmten – damit dort keine Akten mehr vernichtet werden konnten. Noch am Abend schlossen sich viele zu einem „Bürgerkomitee“ zusammen, am nächsten Morgen gehörte auch Herbert Ziehm dazu. Dass er mit der Arbeit rund um die Stasi-Akten und die Auflösung des MfS bis zur Rente sein Geld verdienen würde, ahnte er 1990 nicht. In seinen alten Beruf des Energieningenieurs ist er seitdem nicht zurückgekehrt. „Damals gab es so viel zu regeln und zu organisieren, da konnten wir gar nicht so weit in die Zukunft denken“, sagt der ständige Vertreter des Abteilungsleiters Auskunft in seinem kleinen Büro in der Birthler-Behörde am Alexanderplatz. Neben seinen Schreibtisch hat der 62-Jährige einen mächtigen Zimmerbaum gestellt, der aussieht, als wollte er demnächst durch die niedrige Decke brechen.

Euphorisch und gespannt sei ihm die Stimmung vor 20 Jahren vorgekommen in der Ruschestraße, und die „allerheiligsten Räume“ seien noch mit Codes gesichert gewesen. Und „müllig“ sah es aus, der Boden sei mit Glasscherben, Papier und dem weißen Schaum der Feuerlöscher bedeckt gewesen.

In den darauffolgenden Wochen fuhr Ziehm die vielen Berliner Standorte des MfS ab, zu denen ganze Straßenzüge gehörten, sammelte mit anderen Helfern die Akten ein und organisierte deren Transport ins Archivgebäude in Lichtenberg. Bis heute hat er unzählige davon gelesen: „Deshalb traue ich heute allen Menschen alles zu.“ Und er weiß, dass viele Akten Menschen geholfen haben, sich zu rehabilitieren: „Die Bereitstellung der Stasi-Akten hat deren Opfern Gerechtigkeit widerfahren lassen.“ Mit den ehemaligen Stasi-Mitgliedern in seiner Behörde habe er keine Probleme – solange diese offen mit ihrer Vergangenheit umgehen. Außerdem sei man vor allem am Anfang auf die Kenntnisse der hauptamtlichen Mitarbeiter angewiesen gewesen.

Das große Interesse an den ersten Formularen, mit denen Betroffene dann ab 1992 Einsicht in ihre Stasi-Akte beantragen konnten, habe ihn damals überrascht: „Die ersten 150 000 Anträge waren schon nach drei Tagen weg“, erinnert er sich. Viele Menschen, die heute ihren Antrag abgeben oder schicken, würden meistens von Freunden und Bekannten dazu animiert, und seien längst im Ruhestand oder Vorruhestand. Das gehe aus Bürgerumfragen hervor: „Diese Antragsteller waren beim Zusammenbruch der DDR zwischen 40 und 50, und hatten dann offensichtlich erst mal mit ihren Lebensumbrüchen zu tun.“

Aber auch die Nachfragen ihrer Kinder, die die DDR nicht mehr bewusst miterlebt haben, könnten Eltern dazu bewegen, auch jetzt noch einen Antrag zu stellen. Wobei viele Interessenten von der Antwort der Birthler-Behörde enttäuscht würden – weil dort bislang keine Akte zu ihrer Person gefunden worden ist oder wichtige Lebensstationen nicht in den Unterlagen auftauchen. „Es ist bis heute schwer für uns, den Antragstellern klar zu machen, dass die Akten heute mit Fragestellungen konfrontiert werden, für die sie nie angelegt wurden.“ Die Stasi sei eben nicht mit einem Sozialamt zu vergleichen, in dem man einfach die Akte des Nachbarn aus dem Regal ziehen könne. Und die Birthler-Behörde durchsuche die Akten auch nicht systematisch – sondern nur auf Antrag.

Seinen Mitarbeitern rät Herbert Ziehm übrigens, innerlich Abstand zum Gelesenen zu halten – wie eine Krankenschwester, die sich schließlich auch nicht beim Patienten anstecken dürfe.

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