DDR-Gedenken : Lautstark gegen die Ostalgie

Geschäftemacher posieren an der ehemaligen Mauer in Berlin in DDR-Uniformen. SED-Opfer protestieren am Jahrestag des Mauerbaus gegen diese Vermarktung der Diktatur.

Hauke Friederichs

Die Männer sehen müde aus, sie haben graue Gesichter und graue Haare. Sie sitzen auf einem Geländer vor dem S-Bahnhof Potsdamer Platz. Sie recken Schilder in die Höhe und schauen den Kameramännern und Fotografen zu, die sie umschwirren. "138 Tote an der Mauer", "Verbot von DDR-Symbolen jetzt" und "Alles schon vergessen" steht auf den Transparenten.

Die Alten haben nicht vergessen. Deswegen sind sie hierher gekommen, auf den Platz im Herzen Berlins, der bis 1989 geteilt und eine Ödnis war und an dem heute der Bahn-Tower und das Sony Center stehen. Spuren der Vergangenheit sieht man hier kaum noch. "Los geht's", ruft einer, und dann marschieren die Alten los. Ihre Müdigkeit ist vergessen. Sie haben eine Mission.

40 Teilnehmer laufen einige Meter zu den Mauerfragmenten, die am Rande des Platzes stehen. Sie drängen sich an asiatischen und amerikanischen Touristen vorbei, bilden vor den Mauerresten einen Halbkreis und verhindern, dass zwei junge Männer in DDR-Grenzeruniform sich weiter mit Touristen fotografieren lassen und deren Reisepässe mit Original-Stempeln des untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaates versehen.

Wegen der Schauspieler und der DDR-"Verherrlichung", wie sie es nennen, sind die Alten hier. Sie sind Opfer der DDR, haben in Haft gesessen, die meisten wegen Republikflucht. Sie sind empört, dass "Ostalgier" und Geschäftemacher ein fast beschauliches, skurriles Bild der SED-Diktatur zeichnen. Und sie sind wütend, dass Studenten in die Rolle von Beamten des Unrechtsstaats schlüpfen, um Geld zu verdienen.

Die Mitglieder der "Vereinigung der Opfer des Stalinismus" (VOS) und ihre Sympathisanten wollen am 48. Jahrestag des Mauerbaus ein Zeichen setzen. "Seit Monaten müssen wir mit ansehen, wie sich Schauspielstudenten als DDR-Grenztruppen verkleiden und sich in Uniform mit der DDR-Fahne von Touristen fotografieren lassen", sagt Mario Röllig, Landesvorsitzender des VOS. Nun ist die Geduld am Ende.

Röllig und zwei Mitstreiter tragen weiße T-Shirts mit blutroten Farbflecken. Aus einem Ghettoblaster ertönt Maschinengewehrfeuer und Röllig und ein weiterer Mann fallen wie von Kugeln getroffen zu Boden. Sie liegen vor den Mauerfragmenten, die Fotografen haben das Motiv des Tages. Es klickt und surrt aus den Fotoapparaten und knallt vom Tonband. Ein Mann und eine Frau lesen abwechselnd die Namen der 138 Mauertoten vor. Vorname, Nachname, Todesdatum. Minutenlang.

"Günter Liftin, 24. August 1961", schallt es über den Potsdamer Platz. "Werner Probst, 14. Oktober 1961"...

Die Studenten in den DDR-Uniformen stehen vor ihrem Stand. Slogans wie "Original DDR-Visum" und "Stamp your real Passport" werben dort für ein besonderes Mitbringsel aus der ehemals geteilten Hauptstadt. Die Touristen schauen dem Protest-Trubel lieber aus sicherer Entfernung zu. "Schämt Ihr Euch nicht", zischt einer der ehemaligen SED-Opfer den Pseudo-Grenzbeamten zu. Er reckt ein Schwarz-Weiß-Bild in die Höhe. Es zeigt, wie DDR-Soldaten verletzte oder tote Maueropfer abtransportieren.

Zwei Meter weiter steigt Anita Kutschkau auf eine Leiter. Sie trägt ebenfalls ein mit Kunstblut beflecktes T-Shirt und gibt die dritte Mauertote. Die Vorleser sind erst im Jahr 1962 angekommen. "Peter Fechter. 17. August 1962. Hans-Dieter Wesa, 23. August 1962..."

Die beiden "Grenzschützer" beraten sich flüsternd. Dann geht der eine in die Offensive. "Wir erklären den Touristen immer, wie schlimm die DDR war", sagt er. "Wir lehnen die Diktatur ab." Beide arbeiteten für einen Verein, kassierten nur Spenden – sagen sie. Journalisten fragen nach der Gewerbeerlaubnis. "Lass uns abhauen", sagt der eine und beginnt hektisch zu packen. Er verstaut die große DDR-Fahne, rollt einen roten Teppich auf und verstaut die Visa-Dokumente, die nach dem Ende der DDR niemand mehr brauchte.

Die Stalinismus-Opfer sehen zu, schimpfen und drohen: "Kommt ja nicht wieder."

Die Wut über das Geschäftemachen mit DDR-Devotionalien ist in Berlin nicht neu. Auch die Leute am Checkpoint Charlie, die sich in russischer Uniform neben Touristen fotografieren lassen, verärgerten die Opfer der zweiten deutschen Diktatur. Sie forderten den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit auf, dagegen einzuschreiten, und wandten sich auch an den Bundestag und die Bundesregierung. Doch bislang fühlte sich niemand zuständig. Deswegen wollen die Stalinismus-Opfer nun eine Reaktion erzwingen. Ihre Demonstration haben sie nicht angemeldet. Doch die Provokation verpufft. Polizisten halten sich im Hintergrund.

"Winfried Freudenberg, 8. März 1989", ist der letzte Name auf der Liste der Mauertoten, der verlesen wird. Freudenberg versuchte mit einem Gasballon die Mauer zu überfliegen und stürzte ab. Acht Monate später wird die Grenze geöffnet – die Teilung Deutschlands endet. 

Zum Schluss werden auch noch die Namen von an der Mauer gestorbenen DDR-Grenzschützern vorgetragen. Einer von ihnen wurde von einer Kugel eines westdeutschen Polizisten getroffen, der einem Republikflüchtling Feuerschutz gab. Den Initiatoren der Demonstration geht es um eine korrekte Geschichtsschreibung, sie kämpfen um die richtige Darstellung der Berliner Mauer und wollen verhindern, dass aus dem ehemaligen Todesstreifen eine Art Disneyland wird.

"Die Opfer von Mauer und Stacheldraht werden öffentlich verhöhnt. Dagegen müssen wir ein Zeichen setzen", sagt Röllig. Seine Vereinigung fordert eine Änderung des Strafgesetzbuchs. Künftig soll es verboten sein, Symbole des Arbeiter- und Bauernstaats zu tragen, genauso wie NS-Symbole.

Auch Klaus Meyer findet, dass man mit DDR-Symbolen kein Geschäft machen dürfte. Der 75-Jährige erzählt, wie er in die Hände der Staatssicherheit geriet und wie er dann in einem Cottbuser Gefängnis landete. In Ungarn hatten ihn Grenzer erwischt, als er versuchte, in den Westen zu fliehen.

"Hier stellen Leute Visa aus und pressen DDR-Stempel in Pässe. Das darf nicht sein", sagt Meyer. Und dann schimpft er, dass sie nicht einmal die richtigen Mützen trugen. Die seien nämlich russisch und passten nicht zur DDR-Uniform.

Während am Potsdamer Platz am Ende eine Schweigeminute eingelegt wird, brummt vor dem Brandenburger Tor und am Checkpoint Charlie das Geschäft mit der Ostalgie auch am Jahrestag des Mauerbaus wie eh und je. Die DDR ist einfach nicht tot zu kriegen. Zumindest nicht als Gruselshow.

Quelle: ZEIT ONLINE

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