DDR-Geschichte auf der Berlinale : Verbotene Liebe zwischen Ost und West

Für den Film „Der Ost-Komplex“, der jetzt auf der Berlinale Premiere hat, gibt Stasi-Opfer Mario Röllig tiefe Einblicke in sein Leben - nur ein Erlebnis wollte er vor der Kamera nicht erneut durchleben.

Annika Möller
Zeitzeuge: Mario Röllig in einem Standbild aus dem Film.
Zeitzeuge: Mario Röllig in einem Standbild aus dem Film.Foto: Promo

Filme über das Unrechts-Regime der DDR gibt es viele. Dem Regisseur Jochen Hick ist es aber gelungen, ein bislang wenig beleuchtetes Thema aufzugreifen. In seinem Film „Der Ost-Komplex“, der an diesem Sonnabend auf der Berlinale Premiere hat, steht der Zeitzeuge Mario Röllig im Vordergrund.

Röllig kommt, wie er selber sagt, aus einem SED-treuen Elternhaus und ist in Berlin-Friedrichshagen aufgewachsen. In seiner Jugend beginnt er sich vermehrt für Männer zu interessieren. Er unterhält eine Freundschaft zu einem West-Berliner Politiker. Wegen der Beziehung und auch weil er es strikt ablehnte seine Mitmenschen zu bespitzeln, versucht er im Juni 1987 über Ungarn nach Jugoslawien zu fliehen. Sein Fluchtversuch scheitert, er wird verhaftet und muss eine Woche im Budapester Polizeigefängnis verbringen. Anschließend wird er der DDR-Staatssicherheit übergeben.

Im Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) wird er für drei Monate inhaftiert. Im Oktober 1987 wurde das Gerichtsverfahren gegen ihn mit einer Bewährung auf drei Jahre eingestellt. Röllig stellt einen Ausreiseantrag, denn die Repressalien gegen ihn hörten nicht auf. Im März war es endlich soweit, er wird aus der DDR ausgebürgert. „Für mich war der 8.März 1988 um 0:00, wo ich mit einem Interzonenzug über die Deutsch-Deutsche Grenze in die Bundesrepublik fuhr, bis heute der schönste Moment in meinem Leben“, sagt er.

Wiedersehen mit alten Weggefährten

Seine Vergangenheit lässt ihn bis heute nicht los. Seine negativen Erlebnisse mit der Stasi bringt er als aktiver Zeitzeuge offen ins Gespräch. So geht er in Schulklassen oder gibt Führungen durch die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und arbeitet somit gegen das Vergessen.

Der Regisseur Jochen Hick und sein Team haben ihn über vier Jahre lang mit der Kamera begleitet. Man lernte sich bei Dreharbeiten zu Hicks Dokumentarfilm „Out in Ost-Berlin“ kennen. Hierbei ging es um homosexuelle Aktivisten in der damaligen DDR. Bei den Aufnahmen hierzu merkte man, dass Rölligs Lebensgeschichte zu dicht ist, um nur ein Teil davon zu zeigen. Während der Filmarbeiten zu „Der Ost-Komplex“ konnte Röllig auch eigene Ideen und Vorschläge einbringen. Er konnte aber auch klar sagen, wozu er nicht bereit war. So wollte er nicht erneuert seinem ehemaligen Stasi-Vernehmer begegnen, der ihn bei anderen Begegnung beschimpft hatte.

Stars und Gewinner der Berlinale 2016
Gianfranco Rosi
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1 von 205Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch
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Hicks Film arbeitet geschickt auf zwei Ebenen. Die erste Ebene zeigt Röllig heutige Arbeit als Zeitzeuge. Auf der anderen Ebene kehrt man Orte aus Rölligs Vergangenheit zurück. Die Eindrücke hierzu sind sehr persönlich. Röllig erzählt hierin auch eindrucksvoll, dass der West-Berliner Politiker mit dem er verbotenerweise eine Freundschaft führte, in Wahrheit ein Leben mit Frau und Kindern führte. Auch Rölligs Eltern und andere seiner Weggefährten kommen zu Wort. Er ist sehr glücklich darüber, dass er bei den Dreharbeiten auch alte Schulfreunde wiedergefunden hat, sagt Röllig.

Der Protagonist freut sich sehr darüber, dass der Film auf der Berlinale gezeigt wird. Aber weniger, weil er dann im Scheinwerferlicht stehen wird. Ihm geht es eher darum, der Opfer der Kommunistischen Diktatur zu gedenken und um in den schwierigen Zeiten mit der Flüchtlingskrise eine deutliche Botschaft zu senden, wie er sagt: „Ich war einer von Millionen Flüchtlingen, der einst in der in der Zeit der innerdeutschen Teilung in den Westen fliehen wollte in die Freiheit wollte, weil sie in der DDR politisch verfolgt wurden, oder eines materiell besseren Lebens wegen.“ Er fühlte sich im Westen willkommen. Seiner Meinung nach scheinen das manche zu vergessen, wenn sie lautstark ihren Unmut gegen geflüchtete Personen kundtun oder Flüchtlingsunterkünfte anzünden.

Die Premiere findet am 13. Februar um 17 Uhr im Kino International statt. „Der Ost-Komplex“ läuft in der Sektion „Panorama Dokumente“. Weitere Vorführungstermine: 14.2., 14.30 Uhr, CineStar 7; 15.2., 16 Uhr, Colloseum 1; 19.2., 17 Uhr, CineStar 7

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