DDR-Geschichte : Opfer, Spitzel, Aktenberge

Wie sortiert man 204 Kilometer Büroordner? Oder 10.000 Säcke Dossierschnipsel? Und wie genau funktionierte Mielkes Reich? Fragen über Fragen, die sich 1990 der neuen Gauck-Behörde stellten. Als deren Direktor gehörte Hansjörg Geiger zu denen, die damals Antworten finden mussten.

Lothar Heinke

Die spannenden Jahre 1990/91 haben viele Leben in der DDR radikal verändert. Die Wende beeinflusste nahezu alle, sie schuf neue, scheinbar grenzenlose Möglichkeiten der Arbeits- und Freizeitgestaltung und veränderte das gesellschaftliche Klima total. Die Macht eines Staates, der jedes Mitglied einer „sozialistischen Menschengemeinschaft“ in seinem Sinne formen und erziehen wollte, schien plötzlich wie weggeblasen. Jeder konnte nach seiner Façon selig werden. Und Glasnost! Die Archive öffneten sich: Politbüro-Protokolle, alte Eingaben empörter Bürger, Befehle für die Medien darüber, was sie zu tun und vor allem zu lassen hatten, und auch die Brandbriefe an den sehr geehrten Herrn Staatsratsvorsitzenden wurden öffentlich, zum Allgemeingut. Die Geheimnistuerei hatte ein Ende. Am spannendsten aber war die Offenlegung der Akten, die das Ministerium für Staatssicherheit über unzählige Menschen angelegt hatte – ein beispielloser Vorgang und ein Erfolg der Bürgerbewegung des zusammengebrochenen Staates. Die DDR-Volkskammer verabschiedete am 24. August 1990 nahezu einstimmig ein „Gesetz über die Sicherung und Nutzung der personenbezogenen Daten des ehemaligen MfS/AfNS“. Am 3. Oktober 1990 trat Joachim Gauck als Sonderbeauftragter für die Stasi-Unterlagen sein Amt an. An seiner Seite als Direktor der Behörde: Hansjörg Geiger, zuvor Ministerialrat in der Bayerischen Staatskanzlei. An die Fahrt nach Berlin erinnert er sich genau:

An einem Herbstsonntag steige ich ins Auto, gerate irgendwo bei Weißenfels in einen Stau. Rings um mich Trabis und Wartburgs, es roch nach Zweitaktern, wir standen und standen, und da wurde mir plötzlich klar: Was machst du eigentlich? Worauf lässt du dich da ein?

Schon kommen die ersten Anfragen nach Akteneinsicht, die Antworten schreibt Geiger in seiner Übergangswohnung in einem Gästehaus des Ministeriums des Innern mit der Hand, denn sein Personal kennt sich in der neuen Behördensprache kaum aus, außerdem gibt es nur eine Schreibmaschine, bei der das „e“ kaputt ist. Das Problem damals war, dass die neue Behörde selbst nicht wusste, wie die Stasi eigentlich funktionierte. Was steckte in den Computern? In den Karteien? Die „Pioniere“ bei der Entschlüsselung der papiernen Hinterlassenschaft standen 204 Kilometer ungeordneter Akten gegenüber. Die Startkartei in Berlin hatte sechs Millionen Karteikarten; wenn man sie aneinanderlegte, war das eine Strecke von 1,6 Kilometern. Am übelsten war es in Frankfurt/Oder. Dort hatte man die Unterlagen von Lastwagen in einen zehn Meter tiefen Erdbunker gekippt, die aufgeplatzten Ordner mussten ebenso aufwendig geordnet werden wie die Schnipsel in 10 000 Säcken, die man in der Berliner Zentrale fand – weil hier sämtliche Aktenvernichter durchgebrannt waren.

Die Stasi hatte bereits ab Oktober 89, also vor der Öffnung der Mauer, begonnen zu bereinigen, zu vernichten und zu zerstören. Die haben damals schon IM abgeschaltet und offensichtlich mit einer massiven Veränderung im Staate gerechnet.

Irgendwie wussten die Leute von der Firma Horch & Guck wohl am besten um die allgemeine Stimmung im Lande. Und bald sollte jeder, der es wollte, erfahren, was in seiner Akte stand.

 Ich habe viele erschütternde Berichte gelesen, aber einer war besonders schlimm: Als Eltern mit dazu beigetragen haben, dass ihre Tochter nicht studieren durfte. Als diese schon kurz vor dem Abi stand, haben sie dem MfS negative Dinge über sie berichtet. Oder: An einer Uni wird ein wissenschaftlicher Assistent geworben, als Gegenleistung wird ihm geholfen, eine Professur zu bekommen, die er aufgrund seiner Leistungen eigentlich nicht verdient hatte, weil seine beiden Konkurrenten besser waren. Was wurde aus den beiden anderen, denen die Chance genommen wurde?

Die Gegner der Aktenöffnung befürchteten, es werde Mord und Totschlag geben. Nein, niemand ist auf den anderen mit der Bierflasche losgegangen. Hansjörg Geiger hat sich immer wieder danach erkundigt, ob die Stasi-IM zu den Freunden oder Bekannten, die sie ausgeforscht haben, gegangen sind, um sich zu entschuldigen. Das ist nahezu nicht geschehen. Ganz im Gegenteil. Wenn die Betroffenen gefragt haben: Weshalb hast du das über mich geschrieben und weitergegeben?, dann haben sie mit Ausflüchten reagiert oder das Gespräch verweigert. Die Versöhnung ist nicht eingetreten.

Meine Idee war, dass es sehr wohl das Bekennen und die Reue gibt. Wenn man Reue zeigt, würde einem der andere Vergebung schenken. Vielleicht lag das daran, dass die DDR eher eine atheistische Gesellschaft war, der die christliche Gedankenwelt fern war.

Oder, als zweite Erklärung: Ein Stasi-IM lebte in zwei Welten, seiner eigenen und der als „Geheimnisträger“ mit dem Decknamen Sowieso. Er hatte zwei Identitäten. Mit dem Ende der DDR hat er die eine Identität abgegeben, die starb quasi ab, und warum sollte er sich mit der toten Identität auseinandersetzen? Die gab es für ihn nicht mehr.

Geiger ist jetzt Professor an der Uni Frankfurt, er leitet die Stiftung für Patientenrechte, engagiert sich im „Weißen Ring“. Nach der Arbeit in der Gauck-Behörde war er, parteilos, ab 1995 Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, danach Präsident des Bundesnachrichtendienstes und von 1998 bis 2005 Staatssekretär im Bundesjustizministerium. Welche Rolle spielte der Aufbau der Stasi-Unterlagen-Behörde in seinem Leben?

Es war der Höhepunkt, die aufregendste Zeit der Mitgestaltung. Denn es war wohl weltweit einmalig, den Nachrichtendienst einer Diktatur aufzulösen und jedem zugänglich zu machen.

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