Berlin : DDR-Geschichte(n): Männchen aus Stein und Bücher von Heym

Lothar Heinke

Heute beginnt eine Serie, mit der wir in loser Folge, sonntags, an Ereignisse und Begebenheiten, an Menschen, Häuser und Dinge aus der DDR erinnern möchten. Kein Blick zurück im Zorn - eher eine DDR-Revue mit Erinnerungen an Geschichten, die für viele bis zum Jahr 1990 der ganz normale Alltag waren.

Manches wiederholt sich im Leben unter ganz anderen Umständen: Gestern war der Alexanderplatz wieder einmal der Ort des "Solidaritätsbasars der Berliner Journalistinnen und Journalisten", wie es so schön korrekt bei der veranstaltenden Deutschen Journalisten-Union (dju) heißt. An den Ständen verkauften Mitarbeiter von Zeitungen (auch von dieser, gottlob), von Sendern, Buchverlagen und so genannten "Nichtregierungsorganisationen" die Erzeugnisse ihres Geistes, und der Erlös kam heuer einem Alphabetisierungsprojekt für Landfrauen in Nicaragua zugute.

Der Veranstalter spricht vom "6. Solibasar", aber damit hat er sich verzählt und vertan. Der kleine Zusatz "nach der Wende" hätte die Sache geradegerückt - unter "Solibasar" kennt man nämlich, jedenfalls im Osten, mehr als ein Dutzend Solidaritätsbasare, die regelmäßig auf dem Alexanderplatz für so eine Art Volksfeststimmung sorgten und den tieferen Sinn eines Basars erfüllten: Mitten im Sozialismus, wo alles, auch der Preis für Waren bis zur kleinsten Reißzwecke, geregelt war, brach für einen Tag die Lust am Feilschen aus. Menschen, die gerade noch ihre schwungvolle Eloge auf die starrsinnige Planwirtschaftspreispolitik in ihre Schreibmaschinen gehackt hatten, handelten plötzlich virtuos nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Ludwig Erhard mitten auf dem Alex! Alle einschlägigen Gesetze der DDR waren an diesem Tage außer Kraft. Zeitungen, Buchverlage, Funk und Fernsehen boten Unmengen von brauchbaren und unbrauchbaren Dingen an, sogar Räucheraale sollen schon mal vorbeigeschwommen sein. Vormittags verharrten die Journalisten in den Ständen noch in abwartender Haltung, aber je später es wurde, desto tiefer purzelten die Fantasiepreise, die sich irgendjemand ausgedacht hatte.

Der Zweck heiligte die Mittel. Angeblich sollten Journalisten aus afrikanischen Ländern unterstützt werden, aber die Ahnung ging um, dass mit den Erlösen diverse Befreiungsbewegungen bewaffnet wurden. Hunderttausende, ach, Millionen Mark kamen zusammen, von Jahr zu Jahr mussten es mehr sein, denn auch die Solidarität wurde immer heftiger, rein theoretisch hatte sie proportional mit der Reife des sozialistischen Staatsvolkes irgendwie ins Unermessliche zu wachsen.

Aber die Leute strömten auf den Alex, weil sie etwas Besonderes vermuteten. Wir, bei der Zeitung "Der Morgen", hatten Monate vor dem großen Ereignis die Leser gebeten, den Gabentisch der Redaktion zu decken, und bald waren Sekretariate und Sitzungszimmer prall gefüllte Warenlager. Ein Kollegiumsmitglied wurde monatelang zum Solibasar-Ein-und-Verkäufer, zwei hoffnungsvolle Jungredakteure eilten an die Ostseeküste, um körbeweise vom Meer gerundete graue Steine einzusammeln, die später bemalt und zu "Steinmännchen" zusammengeklebt wurden. Die Leute kauften das wirklich, und sie schlugen sich fast um die blauen Teller, Tassen und Töpfe aus dem thüringischen Bürgel - wie um Buch-Raritäten, zum Beispiel von Stefan Heym, die in viel zu kleiner Auflage im Morgen-Buchverlag erschienen waren.

Jede Redaktion versuchte, gut auszusehen. Natürlich gab es auch berühmte Boxhandschuhe und signierte Fußbälle, beim "ND" lief den ganzen Tag über eine Versteigerung von Mitbringseln aus Ländern, die kaum einer kennen konnte, und das Fernsehen suchte schöne Menschen von der Straße zum Ansagen - und fand welche, die bis heute vor aktuellen Kameras sitzen.

Gestern war von dem einstigen Jahrmarkt kaum noch etwas übrig geblieben. Was sind heute noch Raritäten? Keramik aus Bürgel hat überlebt, die gibt es in großen Mengen in der Friedrichstraße, aber den "Morgen", den gibt es nicht mehr...

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