Berlin : DDR hinter Hohenzollern-Mauern

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Nach der Bundestagsentscheidung für die Rekonstruktion der historischen Stadtschlossfassade ist das Schicksal des Palastes der Republik noch nicht besiegelt. Zwar plädierte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse „ohne jedes Triumphgefühl“ für den Abriss des Palastes, der als Sitz der DDR-Volkskammer gedient hatte. Aber schon die von Senat und Bundesregierung eingesetzte internationale Expertenkommission Historische Mitte Berlin hatte empfohlen, die „Rekonstruktion einzelner Teile des Palastes der Republik“ zu überprüfen. „Die auf diese Weise entstehende Verbindung kontrastierender Teile aus verschiedenen Epochen könnte eine angemessene Veranschaulichung der Wechselfälle deutscher Geschichte bedeuten.“

Erhaltenswert erscheint vielen der Volkskammersaal, in dem die DDR-Abgeordneten am 23. August 1990 den Beschluss zur Deutschen Einheit gefasst hatten. Abgeordnete von SPD, PDS und FDP sprachen sich am Donnerstag bei der Bundestagsdebatte zur Zukunft des Schlossplatzes für eine Integration des Saales in das neue Gebäude hinter der rekonstruierten Schlossfassade aus. Auch Berlins oberster Denkmalschützer Jörg Haspel will den Saal in das künftige Ensemble einbeziehen. Der Landeskonservator hat den Palast als Objekt von denkmalpflegerischem Interesse eingestuft, ein Status, der den DDR-Bau aber nicht vor dem Abriss schützt. „Denkmalpflegerisches Interesse bedeutet lediglich, dass der Abriss dokumentiert werden muss“, erklärt die Sprecherin des Senators für Stadtentwicklung, Petra Reetz.

Für Stadtentwicklungssenator Peter Strieder, ein Schlossgegner, steht fest: „Der Palast der Republik wird fallen. Er hat architektonisch und kulturhistorisch keine Bedeutung.“ Und auch von einer Integration des Volkskammersaals in den Neubau auf dem Schlossplatz hält der SPD-Chef wenig. „Man kann den Ort, an dem die deutsche Einheit beschlossen wurde, auch auf andere Weise dokumentieren.“

Der PDS-Vorsitzende Stefan Liebich spricht sich dennoch dafür aus, einen Teil des Palastes der Republik in das neue Ensemble zu integrieren. Das Bundestagsvotum für das Schloss wertet er als Signal gegen die Vereinigung von Ost und West – eine Erhaltung des Volkskammersaals, in dem die deutsche Einheit beschlossen wurde, würde dies mildern. „Ich fürchte aber“, sagte Liebich, „die Entscheidung für die Schlossfassade erschwert eine Integration.“

Vom historischen Saal ist ohnehin nicht mehr viel übrig. Während der Asbest-Sanierung des Palastes wurde die gesamte Innenausstattung demontiert, das Mobiliar in Depots eingelagert. Auch eine Rekonstruktion am Originalstandort ist unwahrscheinlich, denn an der zur Karl-Liebknecht-Straße gewandten Seite des geplanten Schlossnachbaus würde der Saal aus der Barockfassade herausragen. Und eine Verschiebung innerhalb des Gebäudes könnte mit dem geplanten Wiederaufbau des Schlüter-Hofes in Konflikt geraten.

Der FDP-Landesvorsitzende Günter Rexrodt, ein dezidierter Schlossbefürworter, meint dennoch: „Soll doch der Volkskammersaal integriert werden. Das geht schon irgendwie.“ Skeptisch ist die Städtebauexpertin und Berliner Bundestagsabgeordnete Franziska Eichstädt-Bohlig (Grüne). Sie kennt den Zustand des Asbest-sanierten Palastes aus eigener Anschauung und befürchtet, mit einer Integration des Volkskammersaals werde ein Fehler verdoppelt. Schon die Rekonstruktion des Schlosses sei „bloße Fassade“ statt identitärer Bebauung. Würde man jetzt den Volkskammersaal auch noch rekonstruieren, „dann wäre das genauso künstlich“, sagt Eichstädt-Bohlig.

Der Sprecher der Berliner Grünen, Till Heyer-Stuffer, will den Saal dagegen integrieren. Er kritisierte die Schlossentscheidung als „historisch einseitig“. Dem anderen Teil der deutschen Geschichte, der DDR-Vergangenheit, könne mit der Erhaltung des Saals Rechnung getragen werden. Kultursenator Thomas Flierl (PDS) richtet sein Augenmerk auf einen anderen Teil des Palastes: Er hält dessen Foyer für den erhaltenswerten Teil. Der Charakter des Schlossplatzes solle künftig ein öffentlicher sein. Dem entspreche das Foyer des Palastes. babs / wie

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