DDR-Kinderstars : Mit der Defa groß geworden

Der Kleine Muck, Gritta von Rattenzuhausbeiuns oder Alfons Zitterbacke: Ein Buch von Knut Elstermann erzählt die Lebenswege von DDR-Kinderstars.

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Ganz berühmt - und auch verfilmt: Die nachdenkliche Geschichte aus dem Leben eines Lausbuben. Helmut Rossmann spielte Alfons Zitterbacke. Foto: Defa-StiftungAlle Bilder anzeigen
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23.05.2011 08:48Ganz berühmt - und auch verfilmt: Die nachdenkliche Geschichte aus dem Leben eines Lausbuben. Helmut Rossmann spielte Alfons...

Gleich der erste Drehtag begann mit einer Enttäuschung. Die Kälte! Der Nebel! Und dann auch noch dieser wackelige Steg, über den Nadja Klier rennen sollte. Furchtbar. Dabei hatte sie sich auf die Arbeit am Set gefreut, denn für die Zeit des Drehs von „Gritta von Rattenzuhausbeiuns“ gab es fast drei Monate schulfrei – kein zu unterschätzender Anreiz für eine Elfjährige. Was Klier, die in dem Film zum ersten Mal überhaupt vor einer Kamera stand, nicht ahnte: dass so ein Dreh um einiges härter sein kann als Schulunterricht.

Diese Erkenntnis liegt mittlerweile 27 Jahre zurück. Ebenso die körperlichen Strapazen und frühen Drehzeiten, die ohnehin längst vergessen waren, als im Mai 1984 im Kino International an der Karl-Marx-Allee in Mitte die Premiere von „Gritta von Rattenzuhausbeiuns“ stattfand: An diesem Tag war Nadja Klier der umjubelte Star. Allerdings ohne Stargage. Sie bekam die für Kinder üblichen 40 Mark am Tag und kaufte sich am Ende einen heiß begehrten Kassettenrekorder. Inzwischen ist aus der gefeierten Darstellerin eine viel beschäftigte Fotografin geworden. Zudem ist die 38-Jährige eine der Protagonisten in Knut Elstermanns neuem Buch „Früher war ich Filmkind. Die Defa und ihre jüngsten Darsteller“.

In dem Buch zeichnet der Filmkritiker und Radio-Eins-Moderator die Lebenswege ehemaliger DDR-Kinderstars nach und das nicht ohne Grund: Als Kind träumte Elstermann selbst davon, für den Film entdeckt zu werden – vergebens. Dafür traf er 14 Frauen und Männer, für die sich der Traum erfüllte und deren Geschichten er nun erzählt. Zum Beispiel die von „Alfons Zitterbacke“-Darsteller Helmut Rossmann, der heute Physiker ist. Oder die von Carmen Sage, die Jahre nach dem Dreh von „Die Dicke Tilla“ Pastorin in Bielefeld wurde. Nicht fehlen darf natürlich Thomas Schmidt, der „Kleine Muck“, mit dem Elstermann seit Jahren beruflich in Kontakt stand, bis zu Schmidts Tod vor drei Jahren. Dem „kleinen Muck und großen Menschenfreund“ widmet der Autor sein Buch, das er am 7. Juni im Filmmuseum Potsdam und tags darauf in Berlin-Mitte in der Landesbibliothek in der Breite Straße vorstellt.

Zwischen all den Biografien, die Elstermann zusammengetragen hat, sticht die von Nadja Klier besonders hervor. Dass sie für die Rolle überhaupt besetzt wurde, verwundert aus heutiger Sicht – ihre Mutter, die Theaterregisseurin Freya Klier, war eine prominente DDR-Kritikerin. Über hundert Mädchen kamen zum Casting, doch ausgerechnet Nadja Klier wirkte am überzeugendsten. Und so durfte sie an der Seite von Fred Delmare und Peter Sodann die Hauptrolle der unangepassten Gräfin Gritta spielen, die auf einem verfallenen Schloss lebt. Bis dort eines Tages eine Prinzessin einzieht, die dem Kind bald die Tür weist. Gritta kommt an eine Klosterschule – kein idealer Ort für einen aufmüpfigen Adelsspross.

„Gritta hatte absolutes Identifikationspotenzial. Das lag auch an Nadjas frischer Spielweise, an ihrer absoluten Präsenz“, sagt Knut Elstermann. Er sitzt im „Vereinszimmer“, einem kleinen Café am Viktoriapark in Kreuzberg, in dem der Dielenboden knarzt und die Kaffeemaschine hinterm Tresen zischt. Den Ort hat Nadja Klier vorgeschlagen, sie wohnt gleich um die Ecke. Es ist das erste Wiedersehen der beiden seit ihrem Treffen für das Buch vor einem Jahr. Dass damals ihr Handy klingelte und Elstermann um ein Interview bat, fand Klier nicht verwunderlich. Warum auch? Noch heute läuft „Gritta von Rattenzuhausbeiuns“ regelmäßig im Fernsehen, gelegentlich kommen sogar Autogrammwünsche. Manchmal habe sie jedoch das Gefühl, dass die Anfragen nichts mit ihr zu tun haben, sondern mit dem Mythos Defa, sagt Nadja Klier, während sie mit den Händen ein Glas mit Milchkaffee umklammert.

Gerne hätte sie im Filmgeschäft Fuß gefasst, mit 15 bewarb sie sich an der Ernst-Busch-Schauspielschule und erhielt sogar eine Einladung zum Vorsprechen. Dazu kam es aber nicht. Zwei Tage vor dem Termin wurde Kliers Mutter aus der DDR ausgewiesen. Sie sei damals völlig ahnungslos gewesen, erzählt Nadja Klier, die in Prenzlauer Berg aufgewachsen ist. Die Tage bis zur eigenen Ausreise nach West-Berlin verbrachte sie bei einer Freundin der Familie, Ulrike Poppe, die heute in Brandenburg die Folgen der DDR-Diktatur aufarbeitet. Sich im Westen einzuleben, sei ihr anfangs schwergefallen, sagt Nadja Klier. Zum einen war da das Gefühl der Erleichterung. Hinzu kam aber die Trauer darüber, langjährige Freunde nicht mehr wiedersehen zu können. Trost fand sie in den Gesprächen mit anderen Aussiedlerkindern aus dem Osten, die sie auf dem Gymnasium in Steglitz kennenlernte.

Ob die Ausbürgerung ihre Karriere als Schauspielerin verhindert hat? Darüber lässt sich nur spekulieren. Nadja Klier sagt, dass im Westen ihr Fokus einfach viel breiter gewesen sei. Statt für die Schauspielerei entschied sie sich für die Fotografie und lernte beim Lette-Verein. Heute porträtiert Klier vor allem Schauspieler. Was vielleicht daran liegt, dass sie sich ihnen in gewisser Weise verbunden fühlt, sie besonders gut versteht. John Malkovich, Devid Striesow, Hannelore Elsner, Jessica Schwarz – sie alle standen schon für Nadja Klier vor der Kamera.

Knut Elstermann: Früher war ich Filmkind. Das Neue Berlin, 224 S., 19,95 Euro

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