DDR-Museum : Begreifbare Geschichte

Abrafaxe, Rotkäppchensekt und Abhörgeräte: Im DDR-Museum darf man alles anfassen. Das Haus zählt zu den bestbesuchten der Stadt. Ein Rundgang.

Bert Szilagyi
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Das DDR-Museum zählt mit rund 265 000 Besuchern pro Jahr zu den beliebtesten Berlins. -Foto: dpa

Da steht er nun. Seine runden Augen haben noch ihren alten Glanz. Der mattweiße Trabi steht im DDR-Museum in der Karl-Liebknecht-Straße, und niemand muss mehr warten, bis er sich in den Wagen setzen darf. Zu Ostzeiten konnten das schon mal locker 13 Jahre werden. Das lederne Lenkrad fühlt sich noch genauso an wie damals auf Papas Schoß, und auch das Motorengeräusch vom Band klingt seltsam vertraut. Nur der Abgasgestank des alten Zweitakters bleibt den Besuchern erspart.

Das DDR-Museum zählt mit rund 265.000 Besuchern pro Jahr zu den beliebtesten Berlins. Laut einer Besucherumfrage kommen 98.050 davon aus der ehemaligen DDR, 100.700 aus dem ehemaligen Westdeutschland, der Rest aus Europa und der ganzen Welt. „Das Verhältnis von Ost- und Westdeutschen ist sehr ausgeglichen. Doch egal ob Ost oder West, bei uns kann jeder noch etwas Neues lernen“, sagt Melanie Alperstaedt vom DDR Museum. Die Westdeutschen kennen oft nur wenig „von drüben“, sie wollen erfahren, wie der Alltag in einer Diktatur aussah. Viele der Ostdeutschen erinnern sich amüsiert oder wehmütig an ihr Leben in der DDR. So wie ein altes Berliner Ehepaar, dass sich noch einmal die „Aktuelle Kamera“, das Ost-Pendant zur Tagesschau, im nachgebauten Wohnzimmer anschaut und lacht. Die Idee zum Museum hatte ausgerechnet der Klassenfeind aus dem Westen. Peter Kenzelmann aus Freiburg wunderte sich 2004 bei einem Berlin-Besuch, dass er kein Museum über die DDR finden konnte. Aus der Idee wurde 2006 das private DDR-Museum.

So mancher Besucher kommt der schaurig-schönen „Ostalgie“ gefährlich nahe

Zu Beginn des Rundgangs betreten die Gäste den Todesstreifen, wo eine Miniatur der Mauer das Berlin-Modell aus Gummi und Plaste teilt. In den Gängen dahinter ist es eng, die Leute treten sich gegenseitig auf die Füße, wenn sie vor einer der vielen Infotafeln zu Themen wie Grenze, Wohnen oder FKK stehen. Vor den Bildern der unbekleideten Urlauber am Ostseestrand schauen einige Besucher verlegen auf den Boden – das müssen Wessis sein. Die FKK-Strände waren sehr beliebt und wohl die einzigen Orte der DDR, an dem die klassenlose Gesellschaft tatsächlich verwirklicht wurde. Nackt sind halt wirklich alle gleich. In den grauen Regalen daneben lassen sich die Schubladen öffnen und laden zur Entdeckungsreise ein. Links ein Gesangbuch der Jungen Pioniere, rechts grinsen die Abrafaxe vom Titelbild eines lädierten Mosaik-Heftes. Alle Exponate dürfen angefasst werden. Um den Menschen in Zukunft noch mehr aus dem Alltag der Ostdeutschen präsentieren zu können, nimmt das Museum gerne Spenden von Privatleuten entgegen. „Wir bekommen fast jeden Tag neue Sachen rein. In unserem Archiv werden alle Spenden katalogisiert. Dann entscheiden wir, welche als Exponate in die Ausstellung kommen“, sagt Alperstaedt. Im Gegensatz zu den wissenschaftlichen Museen Berlins ist die politische Geschichte hier bewusst nicht der thematische Schwerpunkt. Zwischen Rotkäppchen-Sekt und Ampelmännchen kommt daher so mancher Besucher der schaurig-schönen „Ostalgie“ gefährlich nahe.

Auch die Stasi ist Thema. Jeder Besucher kann in einer kleinen „Stasi-Lauschanlage“ ein Stück weit wie Ulrich Mühe in das „Leben der Anderen“ reinhören. Eine Infotafel erinnert an die Allgegenwärtigkeit der Spitzel im Leben der DDR-Bürger.

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»Ach das kommt auch aus'm Osten?« Alltagsgegenstände wie das Spee-Vollwaschmittel machen das DDR-Leben anschaulich. -Foto: promo

Beim Tischfußball kann jeder die WM-Begegnung der DDR und der BRD von 1974 nachspielen. Es kommt dabei vor, dass man von Menschen angerempelt wird, die den aufgemalten Tanzschritten auf dem Boden folgen. Der Leipziger Modetanz „Lipsi“ macht vielen sichtlich Spaß. In den 60ern sollte damit der Sehnsucht nach westlichem Lifestyle und Rock’n’Roll entgegengewirkt werden.

In der stilecht eingerichteten Küche steht ein großer Schnellkochtopf auf dem Herd und erinnert an die Wochenenden, an denen die ganze Familie bei heißer Soljanka zusammensaß. Ein junges Ehepaar aus Köln zieht ein altes Buch aus einer der Schubladen: „Der junge Ehemann“, lacht die Frau, „so einen Ratgeber hättest du vielleicht auch mal lesen sollen“. Die sozialistische Erziehung endete halt nicht mit dem Verlassen der Schule. Der Mann entdeckt in der Spüle einen Karton mit Spee-Waschmittel: „Ach das kommt auch aus’m Osten?“


- Das DDR-Museum in der Karl-Liebknecht-Straße 1 liegt direkt an der Spree, gegenüber dem Berliner Dom. Offen ist es montags bis sonntags von 10 bis 20 Uhr (sonnabends bis 22 Uhr). Der Eintritt kostet 5,50 Euro, ermäßigt 3,50 Euro. Weitere Infos unter
www.ddr-museum.de.

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