DDR : Stille hinterm Stacheldraht

Wie Ronald Reagans Rede in Ost-Berlin wahrgenommen wurde.

André Görke
Ronald Reagan Foto: TSP
Staatsbesuch 1987: US-Präsident Ronald Reagan nebst Gattin Nancy und Bundeskanzler Helmut Kohl.Foto: TSP

Als Peter Luther, der leitende Direktor, am nächsten Morgen in seinem Lungen-Forschungsinstitut in Buch auftauchte, da sagte er vorsichtig zu den Arbeitskollegen: „Naja, der Reagan ist schon ein Kriegstreiber, ein Haudrauf.“

Als Peter Luther dann, der Mensch und CDU-Politiker, abends mit seinen Kumpels zusammen saß, da johlte er leise: „Der Reagan macht das richtig gut, der ist wenigstens nicht so anbiedernd.“

Zwei Situationen, ein Mann. Aber so war das damals nun einmal, erzählt Luther, der heute 65 ist. Damals am 13. Juni 1987, einen Tag nach der markanten Rede des US-Präsidenten Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor in West-Berlin. „Offiziell durfte man in der DDR keine Sympathien zeigen“, sagt Luther. Man habe nie gewusst, wer da genau neben einem in der Kantine stand.

20 Jahre liegen die Worte Reagans zurück. Sie waren nicht nur im Westen Thema, auch im Osten. Wolfgang Brauer, geboren 1954, damals Geschichtslehrer in Marzahn und nun Linkspartei-Politiker, erinnert sich, dass er an jenem Abend die „Aktuelle Kamera“ im DDR-Fernsehen guckte, dann heimlich die Tagesschau – das war möglich in der anderen Stadthälfte, aber nicht erlaubt. „Das machte jeder, der nur ein bisschen politisch interessiert war“, sagt der Linkspartei-Politiker. Er allerdings fand Kennedys Worte besser, „wie viele andere im Osten auch“, weil der mit seinem energischen Berlin-Bekenntnis alle Bewohner angesprochen habe, auch die im Osten. Reagans Appell dagegen, die Mauer niederzureißen, habe er „eher wie ein Hollywood-Geste“ eines US-Amerikaners empfunden, der einfach starke Worte in der Mauerstadt äußern musste. „Das waren sehr erwartbare Äußerungen“, sagt Brauer.

Dennoch, das West-Fernsehen musste in jenen Tagen sein, um sich eine eigene Meinung bilden zu können. In den DDR-Medien wurde die Rede linientreu-kommentierend dargestellt oder veralbert, erinnert sich Brauer, „das hat ja keiner ernst genommen“.

Und so titelte etwa die „Berliner Zeitung“ auf Seite 1 am Tag nach der Rede in großen Buchstaben: „Dank und Anerkennung den Pädagogen für die gute Arbeit bei der Bildung und Erziehung.“ Kein Wort zur Rede des US-Präsidenten Reagan – stattdessen Familie Honecker in Nahaufnahme. Erst auf der zweiten Seite widmete sich die Zeitung dem Thema: „Bürgerkriegsähnliche Zustände in Schöneberg“, so die Überschrift, die sich sich auf die Krawalle an der Urania und am Ku’damm bezogen. Dazu waren etliche Fotos zu sehen, auf denen prügelnde und schwerbewaffnete Polizisten „vor allem auf Jugendliche“ einprügelten und „auf am Boden liegende Frauen“. Das Reagan-Zitat taucht auf der gesamten Seite nicht auf, auch kein Bild des Politikers. Dafür aber eine Analyse: „In seiner provokatorischen und militanten Rede forderte er unverblümt auf, die Staatsgrenzen in Europa zu verändern“. Die Grenzsicherheitsanlagen der DDR seien laut Reagan zu zerstören, allerdings „ignorierte er völlig, dass dieser Schutz der Grenze der DDR nach Berlin (West) durch die feindlichen Aktionen des Westen notwendig war“. Dass Reagan zudem Bundespräsident Richard von Weizsäcker in Bellevue getroffen habe, sei eine grobe Verletzung des vierseitigen Abkommens über West-Berlin, schließlich „gehört die Stadt nicht zur BRD“, und die „Bonner Behörden hätten kein Recht, hier Regierungsgeschäfte abzuwickeln“.

Die Linkspartei-Politikerin Gesine Lötzsch (45) erinnert sich daran, dass viele junge Leute in der DDR das beidseitige Getöse nur bedingt ernst genommen hätten. Sie studierte damals an der HU, das Brandenburger Tor war sehr nah, dennoch sei kaum einer der Studenten zum Tor gelaufen; an verstärkte Polizeipräsenz könne sie sich auch nicht erinnern. „Den US-Präsidenten hätte auch keiner auf Ostberliner Seite gesehen, so weit weg waren die Sperranlagen.“ Die ersten Hindernisse standen damals bereits auf Höhe der Wilhelmstraße. Sie erinnert sich, dass sich die Stimmung in jenen Wochen aber gewaltig änderte: So langsam wurden Reisen in den Westen erleichtert, sie durfte etwa zu einem Sprachkurs nach Holland fahren. „Es passiert etwas, das hatten wir aber auch vor Reagans Rede gespürt – aber dass die Mauer fällt: nie hätte ich das geglaubt.“

Die damaligen Auslandskorrespondenten auch nicht. Mit einem Hauch von Häme wiesen sie daraufhin, dass die „gleichen Prophezeiungen in Bezug auf die Staatsgrenze von einem anderen Präsidenten der USA schon vor 25 Jahren gemacht wurden“. Kurzum: „Aus dem Volksfest zum 750-jährigen Bestehen der Stadt wurde nichts“; Gorbatschow habe sich viel freier in Berlin bewegen können.

In Ost-Berlin blieb es in jener Nacht ruhig. Honecker konnte auf Seite 3 wieder die Lehrerschaft grüßen. André Görke

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