DDR-Vergangenheit : Die Liebenden von Hohenschönhausen

Uwe Karlstedt war Täter, Regina Kaiser war Opfer. Er Vernehmer bei der Stasi, sie politische Gefangene. Er verhörte sie acht Monate lang. Irgendwann schob er ihr einen Zettel rüber: "Könnten Sie sich in einen wie mich verlieben?" Sechzehn Jahre später wurden die beiden ein Paar.

Torsten Hampel

Die Frage kommt fast immer. Auch diesmal. Einer hat sie sich aufgehoben bis ans Ende der Führung durch die Stasi-Haftanstalt, und hier im Hof will er es jetzt wissen: "Haben Sie den, der Sie damals verhört hat, jemals wieder getroffen?" Als Regina Kaisernoch Besuchergruppen durch das einstige Gefängnis in Hohenschönhausen führte, pflegte sie auf die immer wiederkehrende Frage mit einem Ja zu antworten. Ja, mein Vernehmer und ich, wir leben heute sogar zusammen. Die Besucher erschraken dann immer. Was soll der Flachs nach dem bedrückenden Rundgang noch eben? Oder meint die das ernst? Nein, bestimmt nicht. Aber was, wenn doch? Die meinte das ernst: Regina Kaiser, Jahrgang 1949, politischer Häftling im MfS-Knast, und ihr Vernehmer Uwe Karlstedt sind seit zwei Jahren ein Paar. Man muss sich das einmal vorstellen: Wer sich heute als Besucher auf den Weg macht zur Gedenkstätte nach Berlin-Hohenschönhausen, der will dort sein Wissen über das Stasi-Räderwerk aus Tätern und Mitmachern und über die Aufrechten im Osten illustrieren mit der Schau von Kellerkerkern und Verhörzimmern. Keine Allgemeinplätze will er hören, der Besucher, die kennt er alle schon, hier will er die Einzelheiten erfahren. Ob das stimme mit der Röntgen-Verstrahlung der Häftlinge und wie das nun genau gewesen sei mit dem scheußlichen Psychotheater beim Verhör. Und wie viel Westgeld die DDR durch Häftlingsfreikäufe eingestrichen habe. Die Antworten kommen aus berufenen Mündern, denn oft sind es ehemalige Gefangene, die die Gäste durch die Gedenkstätte führen. Und wenn nach zwei Stunden schließlich das graue Eingangstor hinter ihnen zuknallt, dann sind die Besucher klüger als vorher und haben die neuen Bilder auch schon einsortiert. Weil sie so schön passen. Böse zu böse, gut zu gut.



Wer aber an Regina Kaisergeriet, dem wurde mehr zugemutet. Die sagte dann ihr Ja, wir leben zusammen, und auf einmal war alles aus der Ordnung. Die schaurige Kulisse, das bröckelnde Gefängnis mit dem Stacheldraht auf den Mauern, die oben vergitterten Freigangzellen, die Häftlingserzählungen, das sind Zeugnisse des Geschehenen, Dokumente von gestern. Leicht, das alles scheußlich zu finden. War ja früher, ist ja heute anders. Ja, wir leben zusammen, sagt die Kaiser aber ungerührt, und zwingt damit alle, die ihr zuhören, in die Gegenwart. Die Stasis, die Hauptamtlichen und die IMs, die stehen nicht im Museum, erinnert sich das Publikum unversehens. Die gibt es immer noch. Und die Kaiser bezeugt nicht nur die Anwesenheit der Täter im Berlin des Jahres 1999, sie setzt noch einen drauf, macht es dem Publikum noch schwerer. Denn sie repräsentiert den Zwischenton. Die Peiniger und die Häftlinge, die Schweine und die Gedemütigten, Schwarz und Weiß. Und plötzlich ist da eine grau, verliebt sich in einen Stasi-Mann. Was soll man davon halten?



Wie er da so sitzt, der Major a.D. Uwe Karlstedt, kommt einem der insgeheim schon erwartete Gedanke: So hat man sich einen MfS-Vernehmer nun wirklich nicht vorgestellt. Der hat gar kein Übergewicht, denkt man, überhaupt nichts Verschlagenes, der ist stilvoll gekleidet, und das Haar ist viel zu lang, um preußisch zu sein. Er ist zurückhaltend und freundlich, wägt die Worte, schickt einen offenen Blick durch die Brille. Ein Netter, ein Weicher.



Ob er ein erfolgreicher Vernehmer gewesen sei? Ein guter Vernehmer, sagt Karlstedt, ich habe mich immer für einen guten Vernehmer gehalten. Weil ich mir eingebildet habe, sagt er, mit den Leuten vernünftig umgegangen zu sein und gleichzeitig das, was von mir erwartet wurde, auch zu leisten. Er war also lieb und kam dennoch zu seinen Aussagen, Geständnissen, Denunziationen? Mag das jemand glauben? Immerhin gab es in seiner Karriere keine Brüche. Bis sich alles wendete, 1989. Heute arbeitet er als Buchhalter. An einem Apriltag 1981 wird Regina Kaiseraus ihrer Wohnung in Pankow geholt und der "Befragung zugeführt". Es ist die Zeit, in der die Bundesrepublik die Selbstjustiz der Marianne Bachmeier diskutiert und alle gespannt warten auf den bevorstehenden Start des ersten Space Shuttle. Regina Kaiserwird davon nichts mehr erfahren, denn von jetzt an wird sie für fast vier Jahre aus der Welt sein. Man wird sie einsperren, Monatelang wird sie nicht einmal wissen, an welchem Ort. Es ist Mittag, als der Pkw sie zur MfS-Zentrale in der Lichtenberger Magdalenenstraße fährt, da ist ihre Wohnung längst durchsucht. Drei Jahre lang ist sie beobachtet worden. Ein Ausreiseantrag, der beabsichtigte Aufbau einer Oppositionsgruppe und Kontakte zu Westberliner Linken münden in den Vorwurf der "landesverräterischen Agententätigkeit". Und als sie vier, fünf Stunden nach der "Zuführung" an diesem Frühlingstag einen Verschlag im Gefangenenlieferwagen besteigt, ist das Unfassbare gerade passiert. Denn eben stand im Türrahmen des Verhörzimmers ein neugieriger junger Mann, Mitte zwanzig, Karlstedt. Und jetzt, auf der Fahrt nach Hohenschönhausen, weiß Regina Kaiser, dass sie sich gerade in ihn verliebt hat. "Scheiße, das kann doch nicht wahr sein!"



Nun beginnt die Hölle. Sie wird acht Monate dauern und Untersuchungshaft heißen, anschließend den Namen wechseln und sich Haftstrafe nennen. Die drei Jahre und zwei Monate wird Regina Kaiserim Frauengefängnis Hoheneck absitzen, bevor sie in den Westen darf. Aber erst einmal: Acht Monate U-Haft, fünf Tage in der Woche wird sie jeweils acht Stunden lang verhört werden. Der Wärter wird sie Morgen für Morgen gegen acht Uhr aus der Zelle rufen, sie wird auf den Gang treten, mit dem Gesicht zur Wand. "Geh'n Se, komm' Se", über den schallschluckenden Kokosläufer bis zur Gittertür, dann rechts den Korridor hinunter, an den grau gestrichenen Türen der Vernehmungszimmer vorbei, bis zu der mit der Nummer 368. Dahinter wird Uwe Karlstedt an seinem Schreibtisch warten. Auch er wird aufgeregt sein, anfangs, "da jeder Beginn einer Vernehmung etwas Besonderes ist", später, weil ihm sein Häftling ans Herz gewachsen sein wird. "Außerdem war es mein erster politischer Fall", sagt er heute, "die ganzen Republikflüchtlinge, die ich vorher hatte, habe ich nicht als Politische angesehen."



Was halten Sie davon?, wird er Regina Kaiserfragen und ihr Jürgen Fuchs' "Gedächtnisprotokolle" vor die Nase halten. Sie wird es erkennen, das Buch mit den Haftbeschreibungen, die an die Nieren gehen, es ist das Exemplar aus ihrem Bücherregal. Spätestens jetzt wird sie wissen, was sie erwartet. Acht Monate sehen die beiden sich nun fast täglich im Zimmer 368, bis zu Regina Kaisers Verlegung nach Hoheneck. Ihre wachsende Zuneigung verbergen sie voreinander. Nach knapp sechs Monaten des Fragenstellens und Protokolle-Tippens schiebt er ihr einen Zettel über den Schreibtisch, darauf steht sein Vorname. "Ich fand das immer schlimm, dass Regina von mir gar nichts weiß", sagt Karlstedt. "Aber gerade das Preisgeben von Informationen wurde am schlimmsten geahndet." Er wusste von den Zelleninformanten, verdeckten Ermittlern unter den Häftlingen, die auch zur Kontrolle der Vernehmer eingesetzt wurden. Dennoch - die Ermittlungen sind nahezu abgeschlossen und Reginas Tage in Hohenschönhausen gezählt - traut er sich. "Können Sie sich vorstellen, sich in einen wie mich zu verlieben?" - "Ja." - "Können Sie sich vorstellen, einen wie mich zu küssen?" - "Ja." Sechzehn Jahre später bekommt er einen Anruf, erschrickt und verleugnet sich. Am Telefon ist Regina. Sie arbeitet inzwischen als Honorarkraft in der Gedenkstätte, hat Einblick in die Mitarbeiterkartei des Gefängnisses und forscht nach einem Uwe. Vorher wäre sie dazu nicht in der Lage gewesen, sagt sie. Am Telefon ist sie sich sicher, er ist es. Auf den nachfolgenden Brief reagiert er dann, sie treffen sich, drei Monate später verlassen beide ihre Familien und ziehen zusammen.



Was hat der Karlstedt von 1981 mit dem von heute gemein? Er überlegt lange, atmet schnaufend aus. "Ich weiß nicht so genau, aber meine Abneigung gegen Konflikte, die wird wohl geblieben sein." Mit seiner Konfliktscheu erklärt er sein halbes Leben, das Verhältnis zum Vater, seinen unvermittelten Wechsel vom Metallberuf in die MfS-Maschine. Aber warum er gerade diese Harmoniesucht als Kontinuum ausmacht, ist rätselhaft. Denn einfach macht er es sich wenigstens heute beim besten Willen nicht. Niemand hat von ihm verlangt, was er tut: sich seinen neuen Kollegen anzuvertrauen oder vor Schulklassen nach Erklärungen für sein Leben zu forschen. Auch die Trennung von seiner Frau und der Bruch mit den Eltern, die ihm das öffentliche Austragen seiner Selbstsuche übelnehmen, haben für Karlstedt nichts einfacher werden lassen, die ständige Auseinandersetzung mit Regina schon gar nicht.



Auch sie hat unterdessen für ihre Offenheit bezahlt. Im letzten Jahr ließ sich ein junger Mann von ihr durch den Knast führen, und er dachte sich, über die Geschichte dieser Frau müsste unbedingt ein Dokumentarfilm gedreht werden. Das tat er dann gleich selbst, und seit der Ausstrahlung ist Regina Kaiserihren Job los, sie macht keine Führungen mehr. Weil man sie nicht lässt, wie sie sagt. Weil sie nicht will, entgegnet die Gedenkstättenleiterin. Frau Kaiser selbst habe darum gebeten, sie nicht mehr zu beschäftigen. Überhaupt sei die Leitung den freien Mitarbeitern keine Rechenschaft schuldig. Und außerdem, man möge den Film nicht. Die Kaiser-Karlstedt-Geschichte sei nicht einfach die Geschichte zweier Menschen im luftleeren Raum. "Wer das so darstellt, der trägt zur Verharmlosung bei." Nach dem Motto: So schlimm waren die ja nicht bei der Stasi, in die konnte man sich ja sogar verlieben. Wer diesem Missverständnis aufsitzt, muss schon verdammt tapfer weghören, wenn die beiden sich erklären. "Diese Leute betreiben keine Lebensbewältigung", heißt es aus der Gedenkstättenleitung. Dort irrt man sich.

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