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Debatte um Atelier-Abriss : Räumung am Tacheles vorerst gestoppt

Am Morgen hatte ein Zwangsvollstrecker unbehelligt begonnen, eine Metallwerkstatt am Tacheles zu räumen. Doch dann hat das Amtsgericht Mitte die Räumung vorerst gestoppt.

von , und Paul Zinken
Am Montagmorgen war es soweit: Die Freifläche am Tacheles wurde geräumt. Um sechs Uhr traf die Polizei mit dem Gerichtsvollzieher an der Oranienburger Straße ein.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Paul Zinken
17.10.2011 09:14Am Montagmorgen war es soweit: Die Freifläche am Tacheles wurde geräumt. Um sechs Uhr traf die Polizei mit dem Gerichtsvollzieher...

Der schwarz gekleidete Mann vom Sicherheitsdienst schraubt die blinkende Eisenklammer fest, die zwei Zaunelemente fixiert. Die Grenzen auf dem Tacheles-Areal werden an diesem frühen Montagmorgen neu vermessen. Der Zwangsvollstrecker hat einen Räumungstitel erwirkt. Im Auftrag der HSH-Nordbank trotzt er den Künstlern noch ein Stück Bauland ab: Da steht die „Metallwerkstatt“ drauf, die nun umzäunt wird. Es ist ein vier Meter hoher Unterstand, aus Holz, Kunststoff- und Blechteilen gezimmert, mit einer Feuerstelle, auf der die Künstler Eisenskulpturen schmiedeten.
Wütende Proteste gibt es nicht. Ein Dutzend Künstler beobachtet das Treiben, einige ziehen einen großen schwarzen Eisentorso raus aus der umzäunten Fläche. Andere stimmen ein Lied an, auf Spanisch. Den Ruf nach dem „Commandante“ glaubt man da zu hören. „Die Emotionen kochen nicht mehr so hoch“, sagt Martin Reiter, Sprecher der Künstler. „Dann können sie doch gleich nach Schwanebeck umziehen“, wirft ein Wachschützer ein, breite Schultern, gefühlte zwei Meter groß. „Schwanebeck?“ fragt ein anderer, zu ihm aufblickend. „Auf die Müllhalde“, gibt der Riese zur Antwort.
Aber der Wachmann unterschätzt das Beharrungsvermögen der Künstler. Noch bevor mittags der Bagger anrollt, erwirken sie vor dem Amtsgericht Mitte die vorläufige Einstellung der Zwangsvollstreckung. Ein Richter will erst in einer mündlichen Verhandlung klären, ob die ganze Metallwerkstatt abgerissen werden darf oder nur ein Teil. Der Zaun bleibt aber bestehen. Weil die Bauaufsicht die Tragfähigkeit des Daches bezweifelt, soll ein Statiker sie überprüfen. „Im Grunde genommen wird der Staat an der Nase herumgeführt“, sagt der Zwangsverwalter des Tacheles Holger Schwemer. Ständig treten neue Künstler auf und erheben Ansprüche auf Teile des Areals. Gegen jeden von ihnen muss Schwemer dann einen eigenen Räumungstitel beantragen.

Kunsthaus Tacheles
Das Kunsthaus Tacheles in der Oranienburger Straße in Berlin Mitte. Nach der Wende besetzten Künstler das baufällige Gebäude.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: Jana Demnitz
03.04.2011 18:18Das Kunsthaus Tacheles in der Oranienburger Straße in Berlin Mitte. Nach der Wende besetzten Künstler das baufällige Gebäude.

Weil der Streit weitgehend über die Gerichte ausgetragen wird, bleibt die Polizei dezent im Hintergrund: „Beide Seiten verhalten sich sehr professionell“, lobt Polizeisprecher Jens Berger. Der Einsatz verlaufe „völlig ruhig“.
Zu den Drahtziehern der Räumung zählt Rechtsanwalt Michael Schultz. Er hat einen kanadischen Parka mit fellumrandeter Kapuze übergestreift und zieht einen gefalteten weißen Zettel aus seiner schwarzen Jeans: „Hat mir ein Künstler zugesteckt, ich soll ihn anrufen“, sagt er. Schultz unterstützt die Räumung des Tacheles im Auftrag eines Investors, den er nicht nennen will, und erklärt das zur Millionenfrage: Den Betreiber des Cafés Zapatas hatte er als Ersten mit Barem zum Aufgeben verführt. Andere Künstler folgten dem Beispiel. Mit Geld locken und mit der Räumung drohen – erfolglos ist diese Strategie nicht.

Lesen Sie auf Seite 2, warum manche Künstler trotz allem bis zum Schluss ausharren wollen.

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