Debatte um Integration : "Wir fühlen uns als Deutsche"

Nicht jeder Einwanderer ist auch religiös: Künstler, Geschäftsleute und Wissenschaftler wehren sich gegen Pauschalisierungen. Wie Berliner Muslime auf die öffentliche Diskussion reagieren.

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Seltenheit. Muslime sieht man im Bundestag nicht oft. Meistens wird über sie geredet – anstatt mit ihnen.
Seltenheit. Muslime sieht man im Bundestag nicht oft. Meistens wird über sie geredet – anstatt mit ihnen.Foto: dpa

Je mehr sich die Debatte um Integration und Islam zuspitzt, umso enttäuschter und wütender sind Berliner Muslime. „Ich könnte schreien, wenn ich diese Pauschalisierungen höre“, sagt Selcuk Sazak, künstlerischer Leiter der jährlich in Berlin stattfindenden Türkischen Filmwoche. Nach der Wende seien die Ostdeutschen die Buhmänner gewesen, jetzt seien wieder Türken und Araber dran. Man könne noch so gut sein, regelmäßig müsse man für politische Kampagnen herhalten – das tue weh. Was den Islam angehe, sei für Türkischstämmige die Trennung von Religion und Staat selbstverständlich, schließlich kommen Eltern und Großeltern aus der laizistischen Türkei, sagt Sazak. Dennoch würden alle in einen Topf geworfen.

Viele Kreative und Künstler hätten die Nase voll und würden darüber nachdenken, das Land zu verlassen. Auch er überlege, in die Türkei zu gehen, sagt Selcuk Sazak, obwohl er den deutschen Pass besitze. Sazak ist Berliner SPD–Mitglied und froh, dass sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) endlich in die Debatte einmischt.

Wowereit sprach sich am Montag gegen zusätzliche Sanktionsmöglichkeiten gegen integrationsunwillige Zuwandererfamilien aus, wie sie etwa Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) gefordert hatte. Das rechtliche Instrumentarium sei ausreichend, sagte Wowereit im Interview mit der Nachrichtenagentur dapd. Es komme auf die Umsetzung an. Drohungen und härtere Strafmaßnahmen würden nur selten helfen. „Was soll denn aus einer Familie mit vielen Kindern werden, der von ihrem wenigen Geld noch etwas genommen wird“, sagte Wowereit. Berichte, wonach es in Schulen mit einem besonders hohen Anteil an Zuwanderern eine gehäufte Diskriminierung deutscher Schüler und Lehrer geben soll, sind aus Wowereits Sicht „überdramatisiert“.

Mit diesen Aussagen zeige sich, wie weit sich Klaus Wowereit von den normalen Problemen Berlins entfernt habe, kritisierte CDU-Landes- und Fraktionschef Frank Henkel. Wowereit müsse sich „endlich auch mit den Schattenseiten der Integration befassen“. „Deutschenfeindliche Beleidigungen“ seien trauriger Alltag.

„Es darf nirgendwo Ausgrenzung geben und dort, wo sie vorkommt, muss dagegen eingeschritten werden“, sagte Wowereit weiter. Beim Thema Schule sei die ganze Gesellschaft gefordert: Vereine und Unternehmen engagierten sich war schon an Schulen, das „könnte aber noch mehr werden“.

Chalid Durmosch von der muslimischen „Lichtjugend“ bestätigt, dass es in einigen Brennpunktkiezen große Probleme gibt – und sehr viele Ressentiments. Allerdings auf beiden Seiten, wie er betont. Im übrigen wüssten die meisten Jugendlichen, die sich gegenüber deutschen Mitschülern abgrenzten und sich dabei auf den Islam beriefen, sehr wenig über ihre eigene Religion. Gebildete Menschen, die Brücken bauten und ein aufgeklärter islamischer Religionsunterricht seien gefragt. Täglich neue Polarisierungen und Zuspitzungen würden nicht weiterhelfen.

Riem Spielhaus, Islamwissenschaftlerin an der Humboldt-Universität, findet „fatal“ an der aktuellen Debatte, dass Migranten, egal, woher sie kommen und welcher Stellenwert die Religion für sie hat, pauschal „islamisiert“ würden, die Religionszugehörigkeit also zum wichtigsten Merkmal erklärt werde – obwohl die Einzelnen vielleicht gar nicht religiös sind. Indem gleichzeitig die jüdisch-christliche Tradition zur allein positiven Tradition erklärt werde, würden Muslime pauschal ausgeschlossen, weil sie nicht dieselbe Grundlage haben, sagt Spielhaus. Das mache sie schon sehr wütend. Obwohl sie sich vorgenommen habe, die Debatten gelassener zu nehmen. Die Rede von Bundespräsident Wulff sei ein Lichtblick gewesen und sehr gut angekommen unter den Muslimen, und, ja, an sich sehe sie einen positiven Trend, was die Akzeptanz von Einwanderern angehe. Ein Problem sei nach wie vor die mangelnde statistische Grundlage darüber, wer unter den Muslimen wie gut integriert ist. Es lasse sich schwer definieren, wer Muslim ist und wer nicht, im Mikrozensus gebe es diese Kategorie gar nicht.

Naika Foroutan, die an der Humboldt-Universität im Rahmen des Projektes „Heymat“ über muslimisch-europäische Identitäten forscht, hat auf ihrer Internetseite Zahlen und Fakten zu Thilo Sarrazins Thesen zur Integration zusammengetragen. Sie widerlegt etwa seine Aussage, es gebe bei den türkischstämmigen Einwanderern keinen Bildungsaufstieg in der zweiten und dritten Generation und zeigt, wie falsch Sarrazins Angaben über Schulabschlüsse von muslimischen Migranten sind. Auf diesem Weg versucht die Wissenschaftlerin, Vorurteile abzubauen und die Diskussion zu versachlichen. Sie sei irritiert darüber, dass mittlerweile offenbar alles erlaubt sei im Gespräch über Muslime, sagt Foroutan. Während noch vor einem halben Jahr CSU-Politikern Einhalt geboten worden sei, wenn sie Intelligenztests für Zuwanderer gefordert hätten, könne man so etwas mittlerweile fast unwidersprochen wiederholen.

Hüsnü Özkanli ist Vorsitzender der Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung Berlin-Brandenburg. Er schätzt, dass es mittlerweile 10 000 türkischstämmige Unternehmer in Berlin gibt, die 40 000 Arbeitsplätze geschaffen haben, Tendenz steigend. Das sei doch eine große Erfolgsgeschichte, sagt Özkanli. Umso weniger könne er Politiker wie Horst Seehofer verstehen, die die Zuwanderung aus der Türkei oder aus arabischen Ländern stoppen wollen. Angesichts solcher Aussagen fühle er sich „wirklich unwohl“, sagt Özkanli, und „missbraucht für politische Parolen“. „Der Islam ist kein Feind der Menschheit. Wir sind ganz normale Leute, manche gehen in die Moschee, andere nicht, wir fühlen uns als Deutsche, verstehen uns gut mit unseren deutschen Nachbarn“, sagt Özkanli. Aber offenbar reiche das immer noch nicht.

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