Debatte um Ohrfeigen : Keine Frage der Erziehung

Soll man Eltern wegen einer Ohrfeige anzeigen? Tagesspiegel-Leser diskutieren kontrovers das Pro & Contra.

Das Urteil gegen einen Vater, der seine Tochter ohrfeigte und 800 Euro Strafe bezahlen muss, hat eine heftige Debatte ausgelöst. Acht von zehn Lesern des Tagesspiegels, die sich an der Telefon-Umfrage in der Sonntagsausgabe beteiligten, sind dagegen, Eltern deswegen anzuzeigen. Das Ergebnis einer gleichlautenden Umfrage in der Internet-Ausgabe fiel ähnlich deutlich aus. In unserer Online-Community wird intensiv darüber diskutiert, ob ein Klaps oder eine Ohrfeige als Erziehungmethode zu vertreten ist.

Die meisten Leser lehnen jede Form von Gewalt an Kindern ab: „Gerade die Ohrfeige im Affekt ist problematisch, weil die Kinder sie als ungerechtfertigt erleben und nicht verstehen“, schreibt ein Leser. Sie zerstöre das Vertrauen des Kindes in die Eltern. Für einen anderen Leser ist es nicht damit getan, körperliche Gewalt in der Familie zu bannen, weil viele Kinder auch psychisch misshandelt werden: „Manche Eltern drohen die Puppe oder den Teddy zu verbrennen, sperren ihr Kind für Stunden oder Tage ins Zimmer, oder versuchen, die Probleme mit Geld zu lösen.“

Wieder an anderer Leser argumentiert, dass Eltern mit körperlichen Strafen und seelischen Grausamkeiten traumatisierte Menschen heranziehen: Solcherart Geschädigte verhielten sich entweder devot oder schlügen ihr Leben lang zurück. „In den wenigsten Fällen verfügt der später erwachsene Mensch über die Fähigkeit, diese Traumata zu überwinden.“Ein Diskutant verweist auf das Wort Erziehung, in dem „Ziehen“ stecke und am Ende vom Kind immer als Gewalt gewertet werde: „Nur gibt es solchen und solchen Druck. Und erst bei diesem Unterschied wird es interessant. Körperlicher Druck im Sinne von Schlagen gehörte für mich nie dazu. Allerdings habe ich Situationen bei Bekannten erlebt, da war die Ohrfeige weniger schlimm als der psychische Terror, den mitunter Eltern ausüben können.“

„Wie will man die Angemessenheit eines Klapses, einer Ohrfeige oder anderer Affekthandlungen auf einer Skala von eins bis zehn verorten, ohne das Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehungsabsicht zu verletzen“, fragt sich eine Leserin. Für sie wird dadurch die Basis einer vertrauensvollen Erziehung erschüttert.

Ein Leser, der in den fünfziger und sechziger Jahren aufgewachsen ist, gibt zu, dass für ihn Prügel alltäglich war. „Insbesondere bei Jungs war es völlig normal, dass ihre Väter zuschlugen. Vom Krieg traumatisierte Männer, die meist selbst eine verlorene Jugend hatten, erlebte man damals oft völlig enthemmt und wie besinnungslos, wenn sie losprügelten.“ Auch in der Schule hat dieser Leser Gewalt erlebt: „Kopfnüsse, an den Ohren ziehen oder die sogenannten "Tatzen" waren an der Tagesordnung.“ Trotzdem sei er „extrem dankbar“ und froh, dass so etwas heute tabu sei.

Stellvertretend für die wenigen Befürworter von gelegentlichen Ohrfeigen meint ein Leser: „Ich bin fest davon überzeugt, dass es keinen anderen Weg gibt, gewalttätige Kinder zur Vernunft zu bringen, als sie am eigenen Leib spüren zu lassen, was sie bei anderen anrichten. Das Problem bestehe für ihn darin, das richtige Maß zu finden. Eltern müssten immer zwischen vernünftigen erzieherischen Maßnahmen und willkürlicher Gewaltanwendung unterscheiden. ata/ho

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